Dinge, die niemand braucht: Voluntourismus

Warum Mini-Freiwilligendienste keine gute Idee sind

Die Tinte auf der letzten Klausur des Semesters ist kaum getrocknet, da verabschieden sich viele Studierende von der Wahlheimat und brechen zu den unterschiedlichsten Ferien-, pardon vorlesungsfreie-Zeit-Aktivitäten auf. Wie du auf Seite 5 lesen kannst, sind die Möglichkeiten vielfältig. Ein Beispiel sind Freiwilligendienste, die in den Semesterferien häufig mit einer Laufzeit zwischen vier und sechs Wochen angeboten werden.

Nun sind Freiwilligendienste generell umstritten: Kritiker bringen da Schlagworte wie „moderner Kulturimperialismus“ an und werfen die Frage auf, wie man es rechtfertigen könne, dass durch den kostenlosen Einsatz unausgebildeter Europäer/-innen Arbeitsplätze im globalen Süden wegfielen. Dem wird entgegnet, dass dies durch Kontrollen verhindert werde und viel mehr der interkulturelle Austausch im Fokus stehe. Ganz abgesehen von der Frage, wessen Argumente hier stärker wiegen, muss man festhalten, dass schon die staatlichen (vom BMZ bzw. MBFSFJ geförderten) Projekte – meist mit einer Einsatzzeit von zwölf Monaten – ausreichend Anlass zur Diskussion geben.

Es wird nicht einfacher, wenn private Unternehmen All-Inclusive Pakete zum Kurztrip ins Elend organisieren. Sicherlich gibt es unproblematische Projekte, in denen auch ein kurzer Einsatz einen sinnvollen Beitrag leisten kann. Bei der Renovierung eines alten Gebäudes in der Normandie helfen? Klar, warum nicht. Aber es ist offensichtlich, dass solche Unternehmungen eher auf Plattformen wie workaway zu finden sind. Stutzig sollte man werden, wenn man vierstellige Beträge zahlt, um in unterentwickelten Staaten die innere Grundschullehramts-Lisa raushängen zu lassen. Ähnlich abstrus ist es, wenn studentische Organisationen Kurzzeit-Volunteerings anbieten, für die man zwar nicht in die eigene Tasche greifen muss. Doch ob diese, wie beworben, zur Erreichung der „17 sustainable development goals“ der Vereinten Nationen beitragen können, darf in hohem Maße bezweifelt werden. Gerade bei Projekten, in denen man mit Kindern arbeitet, ist es fatal, wenn monatlich die Bezugsperson wechselt, was häufig mehr Unruhe als Nutzen mit sich bringt.

Aufhübschung des Lebenslaufs ist als Motivation für Volunteering an Perversion kaum zu überbieten. Engagement in allen Ehren, doch sollte man sich ernsthaft fragen, ob die Welt zwischen Hausarbeitsabgabe und Semester-Opening-Party gerettet werden kann. Wer einen Freiwilligendienst in Betracht zieht, sollte sich vorher genau überlegen, welche Gründe man selber hat, welche Ziele man verfolgen möchte und wie der Arbeitsalltag aussehen könnte. All diese Aspekte können innerhalb eines Monats schlichtweg nicht verwirklicht werden. Man beraubt sich einerseits selbst Einblicken und Verständnissen, die ein wenig mehr Zeit mit sich gebracht hätten, und verursacht andererseits häufig mehr Arbeit, als man Unterstützung geben kann.

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