Gruppentherapie G20

Das G20-Treffen vor einer Woche glich in diesem Jahr in weiten Teilen einer Resozialisierungsmaßnahme: die Autokraten und Protofaschisten der Welt, angetreten bei der ersten Sozialarbeiterin der freien Welt zur Wiedereingliederung in die produktive Staatengemeinschaft. Erdogan, Putin und Trump, die in ihren Heimatländern die Zügel entweder seit Jahren fest in der Hand halten oder sie aktuell anziehen, sollten mit einer Agenda mit Fokus auf Streitthemen wie Klimaschutz, Freihandel und internationale Kooperation an ihre Verantwortung nicht nur gegenüber der Staatengemeinschaft, sondern auch ihren jeweiligen Bevölkerungen erinnert werden. Anders als erhofft zeigten sich die starken Männer allerdings ganz und gar unbeeindruckt vom guten Zureden ihrer Amtsgenossen: Trump und Putin terminierten ihr erstes bilaterales Aufeinandertreffen gerade so, dass sie nicht an der Gesprächsrunde zum Klimawandel teilnehmen konnten, ein klarer Affront gegen den Rest der G20, der den Kampf gegen den Klimawandel längst als unabdingbar akzeptiert und entschieden führt. Nachdem sie ihm eine Ansprache vor in Deutschland lebenden Türken verwehrt hatte, profilierte sich Premier Erdogan vor seiner heimischen Anhängerschaft mit markigen Ausfällen gegen die Bundesregierung und eine unabhängige Presse. So sei Kanzlerin Merkel die „Totengräberin der Meinungsfreiheit“, die Wochenzeitung DIE ZEIT „Terrorismus-Unterstützer“, weil einzelne Journalisten in der Vergangenheit auch Interviews mit Vertretern der in Deutschland verbotenen Kurdenpartei PKK geführt haben. In der Resozialisierung nennt man dieses Verhalten „Verweigerung der Maßnahme“. Alle drei eint damit eine mindestens eigenwillige Strategie zum Aufbau diplomatischen Wohlwollens. Viel naheliegender ist jedoch, dass alle drei sich schlicht nicht genug um die luftigen Ziele der Group of 20 scheren, um konstruktiv an den Verhandlungen teilzunehmen. Mit seinem ökonomischen Nationalismus und dem Glauben an einen „Kampf der Zivilisationen“ mit dem Islam, den er unlängst in seiner Warschauer Rede beschwor, hat Trump in Putin und Erdogan zwei autoritäre Staatenlenker vom selben Schlag gefunden: identitär, chauvinistisch, opportunistisch, zur Kooperation nur da bereit, wo es dem eigenen Land am meisten nützt. Gerade die Regression der USA von einer sendungsbewussten Weltmacht hin zu einem konfus agierenden Einfaltspinsel ohne erkennbare internationale Agenda hat dabei ein Vakuum entstehen lassen, das Chinas Präsident Xi Jinping nur zu gern ausnutzt, um sich als Garant eines freien Welthandels und zuverlässiger Partner anzudienen. Das Erstarken des weiterhin autoritär geführten Chinas macht den Einsatz der G20-Mitglieder für Demokratie und Menschenrechte zunehmend unglaubwürdig. Inmitten des Scherbenhaufens steht derweil mit unbeeindruckter, höchstens genervter Miene Kanzlerin Merkel. Sie hat in ihrer langen Amtszeit viele Staatsoberhäupter kommen und auch wieder gehen sehen und erscheint derzeit als die vertrauenswürdigste Garantin internationaler Stabilität und wertegeleiteter Kooperation.