Die spannungsgeladene Erwartung war schon Wochen vorher überall förmlich greifbar: Bayreuth im Zentrum der Weltöffentlichkeit, das elektrisiert. Vor den Livestream-Bildschirmen dieser Nation versammelten sich die Anhänger des bevorstehenden Ereignisses und ließen ihrer ekstatischen Vorfreude freien Lauf, als es endlich soweit war. Am Montag, dem 28.05.18 öffnete der Titanwurz, lateinisch Amorphophallus titanum („unförmiger Riesenpenis“), im Botanischen Garten Bayreuth seine imposanten Blüten.

Zu dem Spektakel kamen bereits 2014 rund 12.000 Gäste aus Nah und Fern und auch dieses Mal reisten einige Besucher von Weitem an, um sich den seltenen Prozess anzusehen. Trotz des kostenlosen Eintritts zum Gewächshaus wurden den Betrachtern für einen Blick auf den stattlichen Blütenkelch dann einiges abverlangt, denn: Der Riesenpenis stinkt. Der Geruch wird wahlweise als modrig, beißend oder faulig beschrieben und sogar mit verwesendem Fleisch oder Aas verglichen. Davon ließ sich trotzdem kaum jemand abhalten, denn neben dem Gestank bewegt sich auch die Größe der Blüte im Bereich der Superlative: Mit bis zu 3 Metern Höhe ist sie eine der größten der Welt. Weil das Wachstum der Blütenblätter sehr viel Energie und Nährstoffe benötigt, tritt die Blüte nur etwa alle 5 bis 10 Jahre ein. In Bayreuth scheinen sich die Pflanzen jedoch besonders wohl zu fühlen: Im Botanischen Garten wurde mit 10 Monaten Abstand eine extrem kurze Zeitspanne zwischen zwei Blütephasen gemessen, das ist Weltrekord. Alle Titanwurz-Enthusiasten müssen sich trotzdem vermutlich noch eine Weile gedulden, bis sie das nächste Mal dem ungewöhnlichen Ereignis beiwohnen können. Wenn sich die Öffnung der Knolle endlich nähert, ist jedoch Eile geboten. Als würde die Blume ihre Exklusivität noch weiter erhöhen wollen, bietet sie Betrachtern nur 24 Stunden Zeit, um sich das Gewächs in voller Pracht anzusehen. Danach sterben die Blätter ab und die Pflanze geht in die  Ruhephase über. Bereits drei Tage nach dem Großereignis berichtete der Ökologische Garten über den Titanwurz auf Facebook: „Er ist immer noch schön anzuschauen, der gewaltige Kolben macht jedoch langsam schlapp.“