Im Rahmen des Projekts „Smart Moving“ erzählt Fabian Hambüchen von seinem neuen Leben nach dem Turnen und wie Selbsthypnose ihm zur Goldmedaille verhalf.

Lisa Nguyen

Falter: Fabian, du hast vor einem halben Jahr deine Turnerkarriere beendet. Was hast du seitdem gemacht?

Hambüchen: Mein Studium läuft noch an der Sporthochschule in Köln, da bin ich jetzt im letzten Semester. Ansonsten mache ich viel mit Sponsoren und Partnern und halte auch Vorträge im mentalen Motivationsbereich. Ansonsten versuche ich mich sportlich fit zu halten und gehe in die Turnhalle, wenn es mir passt. Ich bin aber komplett ausgebucht. Also langweilig ist mir in dieser Zeit nicht geworden.

Falter: Seitdem du vier Jahre alt bist, hast du dich auf Turniere vorbereitet. Wie ist es, wenn ein so wichtiger Bestandteil deines Lebens wegfällt?

Hambüchen: Mir fehlt ein bisschen dieser Trainingsrhythmus, wo ich sage „Okay, ich trainiere so oft in dieser Woche um diese Uhrzeiten und passe entsprechend meine Ernährung an.“ Das fehlt mir momentan komplett. Ich muss schauen, welche Termine ich habe, wann die Uni ist und wann ich irgendwann mal zum Sport komme. Auch mit dem Essen: Wenn du so oft unterwegs bist, dann guckst du, ob du irgendwo noch schnell was reinhauen kannst. Das ist auch nicht das Gesündeste, aber du hast auch nicht die Zeit zum Kochen. Das vermisse ich. Das Vorbereiten der Wettkämpfe und diesen Druck zu haben, dass du zum Zeitpunkt X körperlich fit sein musst und es auch mental auf die Reihe kriegen musst – das vermisse ich nicht. Auch diesen Druck zu haben, immer erfolgreich sein zu müssen, weil du ansonsten von den Medien und den Außenstehenden einen auf den Deckel kriegst, auch das vermisse ich überhaupt nicht.

Falter: Du hast kurz nach deinem Abschied in einem Interview erwähnt, dass du hoffst, etwas zu finden, „was dich genauso inspiriert wie das Turnen.“ Hast du es inzwischen gefunden oder bist du noch am Suchen?

Hambüchen: Ich mache derzeit verschiedene Sachen. Ich habe zum Beispiel einen Job bei Eurosport und war bei den Olympischen Winterspielen als Reporter im Einsatz. Ich bin mir aber doch nicht sicher, in welche Branche ich gehen will. Sicher ist, dass ich mit der Sportwelt in Verbindung bleiben möchte. Ich bin gerade noch dabei in verschiedene Bereiche reinzuschnuppern, um zu gucken, wo mein Herz aufgeht. Erst dann entscheide ich mich und ich habe keinen Grund, Panik zu schieben. Das war im ersten Moment in Rio ganz anders, da dachte ich “meine Karriere ist jetzt vorbei“. Es war ein ganz ungutes Gefühl, nicht zu wissen, wo der Weg hingeht. Aber so langsam bauen sich die Wege auf und ich lasse mir nun Zeit.

FA: Dein Vater war dein Trainer, dein Onkel dein Mental-Coach und deine Mutter war immer mit dabei. Wie haben sich die Strukturen der Familie verändert, nachdem du deine Turnerkarriere beendet hast?

FH: Letztendlich arbeiten wir in gewisser Weise noch zusammen. Aber das Verhältnis zu meinem Vater ist weitaus entspannter geworden, da wir auch nicht jeden Tag gemeinsam in der Halle stehen. Für ihn ist jetzt auch ein Traum in Erfüllung gegangen. Er selbst als Sportler hat es nur fast in die Olympischen Spiele 1980 geschafft. Der Westen hat aber damals boykottiert und er war dann raus. Deswegen ist für ihn auch eine große Last abgefallen, als es in Rio geklappt hat. Er bleibt für mich aber noch ein großer Mentor. Wenn ich eines Tages in den Trainer-Beruf gehe, wird er der Erste, den ich fragen werde. Wir unterstützen uns auch gegenseitig, wenn es um politische Sachen geht und ich meine Kontakte habe. Mit meinem Onkel als Mentaltrainer bleibt der Kontakt sowieso. Wenn ich Probleme habe, rufe ich ihn an. Es bleibt deswegen ein Miteinander, aber es ist nicht mehr so intensiv wie in der Sportlerzeit.

FA: Das Mentaltraining mit deinem Onkel war für dich sehr wichtig. Woraus bestand das Training und wie hast du geübt?

FH: Wir haben sehr viel mit Selbsthypnose gearbeitet, das ist im Vergleich zu Hypnose so, dass du die ganze Zeit bei Bewusstsein bist. Das Problem einer normalen Hypnose ist nämlich, dass du immer einen externen Einfluss hast. Der Therapeut sagt dir, was du tun und denken sollst. Als Sportler bist du aber immer mit dir selbst beschäftigt und im letzten Moment immer auf dich allein gestellt. Gerade da ist es wichtig, durch Selbsthypnose dir selbst die Antworten auf gewisse Fragen zu holen. Wir haben viel mit dem Unterbewusstsein gearbeitet, sowie mit Bildern, Musik, Gefühlslagen, um nachher den Fokus auf sich selbst zu haben und nicht daran zu denken, was andere Leute erwarten sowie an Medaillen und Erfolge zu denken. Was man aber nicht vergessen darf ist, dass es keine Garantie für Erfolg, sondern nur eine Stütze ist.

FA: Als du dann in Rio vor dem Reck standst, hast du dich dann auch selbst hypnotisiert?

FH: Es war krass, denn zwischen dem Teamwettkampf und dem Reckfinale hatten wir nur sechs Tage Zeit. Sechs Tage, wo du echt noch anfängst nachzudenken, die Nervosität spürst und trotzdem probieren musst, deine Konzentration zu behalten. Wir haben viel mit Gefühlen gearbeitet, wie zum Beispiel „Wie fühlt es sich an, am Reck zu turnen?“ Das ist ein gewisser Rhythmus, den man einhalten muss. Um gewisse Bewegungen zu machen, musst du einen bestimmten Rhythmus haben, damit du genug Kraft an der Stange generierst und diese dich dann in die richtige Richtung katapultiert. Daran haben wir so extrem gearbeitet: Nach meinem Training bin ich immer in eine Ecke gegangen, habe die Augen geschlossen und versucht, das Gefühl zu reproduzieren und habe überlegt: „Wie hat es sich gerade angefühlt, wie ich geturnt habe?“ Ich bin dann zu meinem Vater gegangen, der es auf einem iPad aufgenommen hat und wir haben das Video dazu angeschaut. Da wusste ich: „So hat es sich angefühlt – so sah es aus“ und habe es eine ganze Woche gemacht. Und das war das Einzige, woran ich dann gedacht habe. Du steigst dann auf eine tiefe Gefühlsebene ab, sodass du es schaffst, alles andere zu vergessen. Dann bist in einem Flow drin und darin liegt die große Kunst. Und das haben wir dann in dieser Woche geübt. Jeden Tag.