Oder vielleicht doch? Johannes findet Bilder von Sonnenuntergängen und schönen Menschen nur noch nervig. Nele erfreut sich daran zu sehen, wo sich Bekannte herumtreiben und was sie mit ihrem Leben anstellen. Die Kontroverse zum Thema Soziale Medien:

Ich will dein Sushi nicht sehen!

von Johannes Rehlinger

Nun ist es ja inzwischen, zumindest unter Studierenden, fast schon Mode, auf die sozialen Medien zu schimpfen. Die meisten sind sowieso nur ab und zu mal online und Fotos posten sie, wenn überhaupt, nur alle paar Monate mal.

Ich habe mich vor ein paar Wochen auch bei Instagram angemeldet. Oh Gott. Was sahen die alle plötzlich gut aus! Und wo trieben die sich rum? Die meisten schienen ein Leben zwischen Lichterketten und orientalischen Teppichen zu führen. Meine alten Freunde verbringen ihre Freizeit damit von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang zu wandern oder ihre perfekten Körper an irgendwelchen Hollywoodstränden zur Schau zu stellen. Alle sind jetzt schlank und ernähren sich von Obstschalen und Himbeereis. Kurz um, es war schrecklich!

Ich verstehe auch gar nicht, wozu das gut sein soll. Die meisten dieser Leute kenne ich noch, die meisten sind hässlich. Viele leben genau wie ich, in irgendeiner Provinzstadt und verbringen ihre Tage damit Nudeln zu essen und Netflix zu gucken. Ist man aber angemeldet bei Instagram, scheint es diesen seltsamen Zwang zu geben, sein Leben romantisch zu überhöhen. Vielleicht will man es ja auch. Ist es denn nicht der Sinn dieser Seiten, ein perfektes Selbstbild zu entwerfen? Es gibt schließlich schon ein extra Insta, auf dem man nur lustige Fotos von sich posten soll. Um Himmels Willen, warum postet ihr denn nicht auf eurem normalen Account mal lustige Fotos? Das ist doch viel glaubwürdiger, als das hundertste Analog-Kerzenschein-Zigaretten-Bild!

Aber darum geht es eben bei Instagram nicht. Es geht um Selbstdarstellung. Was sich die Leute aber nicht klarmachen, ist, dass man sich damit abhängig macht.

Abhängig von der Bewertung anderer. Natürlich interessiert es keinen mehr, wie viele Likes er auf das neuste Bild hat oder wie viele Follower sein Leben auf Fotos generieren kann. Trotzdem bleibt der Mechanismus bestehen. Trotzdem weiß man immer, wie viele einen schön finden, wie viele einen nach links wischen, wie viele nach rechts.

Trotzdem weiß man auch wie viele jemand anderes schön finden. Das ist das Zweite: Man macht das eigene Selbstbild abhängig von den Bildern anderer Menschen. Man kann gar nicht anders, auch wenn man nichts postet, kann man seiner perfekten Umgebung nicht mehr entgehen. Und ich bin es leid, von allen zu hören, dass sie sich nicht vergleichen. Natürlich tut ihr das! Es geht gar nicht anders, man vergleicht sich immer und das ist auch richtig so. Aber normalerweise vergleicht man sich eben mit echten Menschen statt mit den 28 Fotos der 28 coolsten Momente einer Person.

Als letztes aber macht man sich abhängig von dem Bild, das man selbst von sich erschaffen hat. Es ist ja auch nicht gesund, andauernd in den Spiegel zu gucken. Man verliert sein Selbst, ersetzt es mit den Fotos auf seinen Accounts. Ist auch nachvollziehbar, die sehen schließlich besser aus. Irgendwann aber, vergisst man, dass man selber mit diesem Bild gar nichts zu tun hat.

Ob man es nun aktiv betreibt oder nicht: Instagram, Tinder, Facebook und was es eben noch so gibt bleiben Medien, die auf perverse Weise die Wertung in den Vordergrund stellen. Das Ich ist ein fragiles Ding und noch nie stand es so sehr unter Beschuss wie heute.

Ich will dein Sushi sehen!

von Nele Spandick

Soziale Medien – das ist Selbstinszenierung, Oberflächlichkeit und das Anhäufen falscher Freunde. Stimmt vielleicht. Aber es ist auch lesen, was der Austauschpartner aus der 9. Klasse jetzt studiert. Erfahren, wie man sich für dieses eine interessante Seminar anmelden kann und auch einfach ein bisschen Foodporn von der Schulfreundin oder Urlaubsfotos der Familie. Ich bin wahrlich keine Expertin auf dem Gebiet. Ganz oldschool bin ich weiterhin hauptsächlich auf Facebook unterwegs. Twitter nutze ich nur, um während des Tatorts zu schauen, ob anderen auch das merkwürdige Detail aufgefallen ist und lustige Bildunterschriften von Sophie Passmann zu lesen. Dass Instagram cool ist, habe ich zu spät verstanden und mich deshalb nie angemeldet. Und Snapchat habe ich eigentlich auch nur, weil ich nicht wie meine Freunde sagen will, dass ich dafür nun wirklich zu alt bin und es nicht verstehe. Und vermutlich lasse ich in dieser Aufzählung den wirklich aktuellen Hype aus. Aber mich nervt das ewige Herumgehacke auf sozialen Medien. Denn ja, ich könnte meinem Austauschpartner einfach mal schreiben, wenn ich in Paris bin. Um mehr über das Seminar herauszufinden, könnte ich meiner Professorin mailen. Ich könnte auch mal wieder einen Kochabend mit meiner Schulfreundin veranstalten und meine Familie würde ich sowieso gerne mal wieder besuchen. Aber mein Französisch reicht nicht aus, um ein Treffen zu vereinbaren. Die Professorin müsste dann noch mehr Mails beantworten. Zu meiner Schulfreundin habe ich keinen engen Draht mehr und ich wohne nun mal sieben Zugstunden von meiner Familie entfernt. Vielleicht sind das dumme Ausreden und ich bin einfach zu faul, um Kontakte zu pflegen. Aber ich finde das total ok. Ich habe meine Freunde, die ich jeden Tag treffe, von denen ich nicht nur schöne Urlaubsfotos sehe, sondern auch Krisen mitbekomme und ich habe auch solche, die ich nur zu Weihnachten sehe und mit denen es dann trotzdem immer wieder wie früher ist. Und die Entfernung zu meiner Familie weiß ich spätestens nach einer Woche zu Hause wieder zu schätzen. Ich finde es ok, wenn alles andere oberflächlich bleibt, denn ich möchte trotzdem nicht darauf verzichten. Ich freue mich darüber, wenn ich sehe, wie sich Menschen, die mir eine Zeit lang etwas bedeuteten, entwickeln und dafür möchte (und kann) ich nicht mit allen Kontakt halten. Natürlich weiß ich auch, dass ich über ein mit Filtern überladenes Foto aus dem Urlaub nicht erfahre, wie es einer Person ganz ehrlich geht, aber das muss ich auch gar nicht. Dass man entfernten Bekannten nicht auftischt, was alles schiefläuft im Leben, ist ja keine Neuigkeit. Wenn man alte Klassenkameraden auf der Straße getroffen hat, wurde auch früher nicht als erstes preisgegeben, dass man gerade eine schwere Trennung hinter sich hat oder seine Arbeit hasst. In unserer Gesellschaft gab es schon immer Selbstinszenierung, durch soziale Medien wird sie nur offensichtlicher. Soziale Medien sind praktisch und machen Spaß. Darauf möchte ich nicht mehr verzichten. Deshalb schaue ich jetzt erstmal, was mein Austauschpartner inzwischen so macht.