Hygge – Kontroverse

Hygge. Dieser Begriff ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Allein die Google-Suche liefert über 23 Millionen Ergebnisse, vor allem Bücher und Magazine. Die Bildersuche offenbart glückliche Menschen, eingekuschelt auf dem Sofa vor dem Kamin. Viele Kerzen, Kakao und frische Zimtschnecken. Das hört sich doch ganz gut an, oder?

Prinzipiell scheint es, als wäre am Konzept von Hygge nichts auszusetzen. Zeit mit Freunden, Familie oder alleine zu genießen ist schön und wichtig. Aber muss man sich erst darüber informieren, wie das geht? Womöglich noch ein Buch zum Thema kaufen? Um ehrlich zu sein wissen wir doch selbst instinktiv am besten, was uns guttut. Der eine backt gerne, der andere unternimmt ausgedehnte Spaziergänge. Es gibt unzählige Möglichkeiten um sich wohlzufühlen und zu entspannen. Hygge deckt diese Bandbreite natürlich ab – indem das Konzept so allgemein gehalten ist, dass alles und nichts hineininterpretiert werden kann. Ein nicht wirklich greifbares Vorhaben für Glück und Zufriedenheit wie bei den Dänen. Um Hygge wirklich zu verstehen – so wird einem suggeriert -, muss man sich dann gründlich informieren und auf mindestens eines der zahlreichen literarischen Werke zum Thema zurückgreifen. Insbesondere jetzt in der Vorweihnachtszeit blinken uns in jedem Buchladen die Cover mit lachenden Menschen oder wahlweise auch Sonnenuntergängen an. Auf Instagram gehört unter jedes Bild mit Kaffee und Wollsocken selbstverständlich ein #hyggelig dazu. Hygge ist schon lange kein Begriff mehr, der nur in Dänemark bekannt ist. Das Thema ist mittlerweile bis in den letzten Winkel kommerzialisiert. Dadurch steht der ursprüngliche Gedanke längst nicht mehr im Vordergrund. Oberste Prämisse ist nun, Menschen zum Kauf von allem zu animieren, was auch nur im Entferntesten mit Hygge zu tun hat. Da die Verheißung, endlich richtig glücklich und zufrieden zu werden sehr vielversprechend klingt –wer will das schließlich nicht –, findet Hygge großen Anklang. Die Autoren von Hyggebüchern und Hersteller von Dekoartikeln freut das. Einfach ein paar Backrezepte, tiefsinnige Sprüche und schöne Fotos zusammenwürfeln und fertig ist der ultimative Ratgeber zum Glücklichsein.

Dabei wäre es doch so viel effektiver, einfach auf das eigene Gefühl zu hören. Zeit mit den Liebsten zu verbringen und gemütlich durch die dunkle Jahreszeit zu kommen, klappt auch ohne Anleitung erstaunlich gut.

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