Sind meine Eltern linker als ich?

von Johannes Rehlinger

Was bedeutet es heutzutage überhaupt, „links“ zu sein? Ich glaube manchmal, heute gelten alle als links, die Trump doof finden, die AFD verurteilen und für das ordnungsgemäße Gendern eintreten. Wirklich links zu sein, bedeutet aber doch auch heute noch für eine soziale Politik einzustehen, für Umverteilung, auch auf internationaler Ebene – kurzum für eine seit jeher links geprägte, radikale Form von Gerechtigkeit.

So weit, so gut, all diese Sachen kann ich unterschreiben. Es scheinen aber noch andere Dinge damit einherzugehen, wenn man sich als Linke*r bezeichnen möchte. So habe ich das Gefühl, die Verurteilung der Wirtschaft, gehört bei den Linksgesinnten zum guten Ton. Es ist das große Übel: der Kapitalismus, die ewige Konkurrenz, das sich auf einem gigantischen Schuldenberg wälzende, scheinbar ewige Wirtschaftswachstum.

Ich habe, wie vielleicht viele, angefangen Ökonomik zu studieren, um das System von innen zu verstehen und es dann besser bekämpfen zu können. Tja, dass das Blödsinn ist, hätte ich mir auch vorher denken können. Es hat gerade mal drei Vorlesungen gebraucht, da war ich fasziniert von den ökonomischen Theorien, ihrer Klarheit, ihrer scheinbar mathematischen Bestimmbarkeit, mit der sich politische Entscheidungen auf simple Formeln reduzieren lassen. Zunehmend finde ich mich in Diskussionen mit Freund*innen wieder, in denen ich die Vorteile des Kapitalismus vertrete. Auch meinen Eltern versuche ich in langen Gesprächen nahe zu bringen, warum die reine Investition in soziale Maßnahmen nicht immer der beste Weg ist, die Gesellschaft besser zu stellen. Letztens habe ich den „Konservativ-Test“ der Zeit gemacht und Gott bewahre, ich bin ein sogenannter „versteckt Konservativer“ – ein closet case! Der geneigte Leser merkt: es steht schlimm um mich.

Mit dieser Diagnose konfrontiert, habe ich mich aber doch gefragt: Wie kann das denn sein? Ich wähle doch noch immer SPD, bin für die Reichensteuer, Frauenrechte, schwule Ehe, freie Liebe, Rock ’n’ Roll und ja, ich gender sogar meine Texte. Ich kam zu dem Schluss, dass es nicht fair sei, dass ich aus der linken Gesellschaft ausgeschlossen werde, nur weil ich mich für Wirtschaft interessiere! In dieser Stunde der Not, führte ich eine Unterhaltung mit einem Kommilitonen über eine Vorlesung. Verzweifelt versuchte ich den Inhalt derselbigen einzuordnen, ihn als neoliberal und konservativ zu verurteilen. Besagter Studierender belächelte meine Bemühungen lediglich. Das sei doch eine interessante Theorie und wenn ich sie bewerten wolle, sollte ich mich mit den Argumenten auseinandersetzen, nicht damit, wo sie meiner Meinung nach politisch einzuordnen sei. Das saß. Ich begriff plötzlich, dass ich mich, mit dem dauernden links/rechts, auf ein Denkmodell eingelassen hatte, dass in seiner strikten Unterteilung vielmehr mit dem, was ich als konservativ verstand, zu tun hatte, als die ökonomischen Theorien, die ich so verzweifelt versuchte zu verurteilen.

Beim „links-sein“ geht es aber doch darum, dem Neuen offen gegenüber zu treten. Es geht darum, eben nicht an alten Konventionen festzuhalten, es geht um Ziele, um Fortkommen. Wenn man sich bestimmten Methoden gegenüber verschließt, weil vor 50 Jahren große Denker*innen vermeintlich bewiesen haben, dass sie nicht mit den linken Idealen zu vereinen sind, dann bleibt man stehen. Ich vertrete ja immer noch dieselben Ideale, natürlich bin ich für Umverteilung, für Gerechtigkeit, natürlich halte ich es für grotesk, wie die Ressourcenverteilung der Welt sich gestaltet, dass Arme immer ärmer werden und Reiche immer reicher, das Wirtschaftswachstum nur bei 10 Prozent der Bevölkerung ankommt. Das alles ist falsch! Der einzige Unterschied ist, dass ich darin jetzt so genannte „market failures“ erkenne, dass ich es als ein Fehler des Systems sehe, anstatt das System als den Fehler zu diagnostizieren. Ob das die richtige Sichtweise ist, bleibt abzuwarten, man hört ja nie auf zu lernen. Fest steht für mich aber, dass man sich über Argumente und Fakten unterhalten sollte und nicht über politischen Benimmregeln, wenn es um das Erreichen sozialer Ziele geht.