„Nimm´s nicht persönlich Markus – aber was soll der Scheiß?

Wie Söder Politik zur Nebensache macht.

Konsterniert verlasse ich am Dienstagabend (17.07.2018) nach einer Stunde und 15 Minuten das Bayreuther Cineplex. Auf dem Weg nach draußen gucke ich in die Gesichter der anderen und sehe… – jedenfalls keine politische Diskussion. Die meisten sind bereits vertieft in Gespräche über die Modalitäten des Rückwegs oder die anschließende Abendgestaltung. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich muss irgendetwas falsch verstanden haben.

„Söder persönlich“ ist der Titel der Veranstaltung im Rahmen derer sich Markus Söder, Spitzenkandidat der CSU für die anstehende Landtagswahl, laut Ankündigung zu Themen wie „Heimat, Glauben, Sicherheit, Soziales und Visionen“ äußern würde. Ich habe die – wie sich herausstellen soll – fehlgeleitete Erwartung, dass er seine „persönlich-politische“ Meinung zu diesen Themen kundtun wird. Stattdessen finde ich mich in einer Märchenstunde mit Onkel Söder wieder. Den außenstehenden Interviewer mimt Journalist Ralf Exel, dessen journalistische Tätigkeit sich zuletzt auf die Präsentation höherklassiger Autos auf Firmenevents fokussierte. Er leitet zu schönen Hintergrundfotos durch das kunterbunte, mit Anekdoten gespickte Leben des Markus Söder. Mit den Kindertagen beginnend, werden, fröhlich einem detaillierten Skript folgend, über die politischen Anfänge bis hin zur super Beziehung zu Edmund Stoiber 51 Lebensjahre abgeklappert.

Ich weiß jetzt, dass Herr Söder zwei Hunde hat und der Hund als solcher in seinem Leben eine prägende Rolle einnimmt: bevor er das Herz seiner Frau Karin für sich gewinnen konnte, musste erst der Dalmatiner des künftigen Schwiegervaters erobert werden. Ich weiß auch, dass Söders Haut die Abschminklotion und -tücher, die erforderlich sind, um das jedes Jahr einzigartige Faschingsmakeup zu entfernen, nicht so gern hat – da nicht wirklich pH-hautneutral.

Ich weiß so viel „Persönliches“, aus dem ich ein Söder-ABC erstellen könnte, das bis „P“ selbst den schlausten Detektiv nicht zu der Annahme verleiten würde, dass der Herr Politiker ist. Und das ist der Punkt, der meine Gedanken dominiert und mich sprachlos zurücklässt: Wie kann einer, der seit frühen Teenagerjahren politisch engagiert ist, eine Wahlkampfveranstaltung machen, die Politik nur am Rande berührt oder eher anhaucht? Und wen kann und soll das ansprechen?

Mir persönlich ist die ganze Veranstaltung äußerst unangenehm. So „persönlich“ wollte ich Markus Söder nie kennenlernen. Ich wollte politische Reibung, nicht Stammtischgequatsche, das mir als Zuhörer suggerieren soll, dass der Herr Söder eigentlich auch nur der Markus ist.  Aber gerade das auch nicht ist, denn ich soll mir ja als Wähler keine Sorgen machen: er hat immer ganz Bayern im Blick und spielt im Gegensatz zur Nationalmannschaft offensiv, um den Pokal für sein Land zu gewinnen, da müsse man auch mal „kurz vor dem Strafraum foulen“. Vielleicht kann man mir vorwerfen, die Veranstaltungseinladung nicht wörtlich genug genommen zu haben: es wird bereits ein gewisser Bezug zu Faschingskostümen und Hunden angedeutet. Ich erlag wohl der falschen Vorstellung, dass ein Berufspolitiker nicht unpolitisch sein kann. Doch das scheint Söders Spezialgebiet: seit September 2017 tourt er mit diesem Programm durch Bayern. Ich frage mich, ob das Stammwähler begeistert und den persönlichen Bezug zum großen Markus zu stärken vermag. Neue Wähler scheint er nicht anziehen zu wollen. Die knapp 150 Gegendemonstranten vor dem Cineplex findet er jedenfalls nicht so interessant und stempelt mit knappem Kommentar die Plakate der Demonstrierenden ganz im unpolitischen Sinne des Abends als unwichtig ab. Dass er so die Anliegen eines nicht unwesentlichen Teils der bayerischen Bevölkerung für bedeutungslos erklärt, ist der vielleicht politischste Moment des Abends.

Ich bleibe irritiert zurück und darf euch einen Artikel ankündigen, der näher beschreibt, wie Herr Söder seine ganz persönliche Gästeliste zusammenstellt.