Der Klügere gibt nach, der Schwächere provoziert

Jemandem Befehle erteilen, hartnäckig überreden, drohen, Vorwürfe machen, gesagtes herunterspielen und den Gesprächspartner nicht ernst nehmen. Es gibt viele verschiedene Formen der Provokation. Wir alle kennen Situationen, in denen uns dieses unangenehme Gefühl überkommt und wir urplötzlich eine Verteidigungshaltung einnehmen. Manchmal lassen wir es nicht an uns heran, reagieren gelassen und schaffen es noch gerade so unsere reflexartige Reaktion zu unterdrücken. Doch in den meisten Fällen platzt es aus uns heraus, ohne, dass wir davor überhaupt die Chance hatten, bewusst darüber nachzudenken. Eine anfangs ausgeglichene Unterhaltung kann dann schnell in einen Streit übergehen.
Wir fühlen uns insbesondere dann provoziert, wenn wir uns in unserer Person verkannt fühlen, also unsere Weltsicht oder Meinung als „falsch“ hingestellt werden. Vor allem dogmatische Behauptungen können solch ein Gefühl hervorrufen. Eine Einstellung, nach der bestimmte Aussagen und Auffassungen nicht anzweifelbar sind und die sich damit jeder Kritik entzieht. In einer Diskussion sorgt eine dogmatische Haltung für ein Ungleichgewicht. Einer der Gesprächspartner beansprucht die absolute Wahrheit für sich und negiert somit gleichermaßen die Richtigkeit und Gültigkeit der Ansichten seines Gegenübers.
Als Provokation beschreibt der Soziologe Rainer Paris „einen absichtlich herbeigeführten überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter, moralisch diskreditiert und entlarvt.“ Der wohl hervorstechendste Aspekt: Der Provozierende möchte herausfordern und denjenigen, der reagiert, bloßstellen. Dadurch wertet er sich selbst auf und kompensiert seine eigene Unsicherheit. Er begibt sich damit von der Täter- in die Opferrolle und stellt sein Gegenüber als Täter dar. Die erlangte Aufmerksamkeit spielt dabei auch eine Rolle. Denn zunächst möchte der Provokateur nur auffallen. Der Provozierende muss seinen „Gegner“ gut kennen, denn nur so kann er ihn durch subtile Bemerkungen reizen.
Wir können uns aber auch grundlos provoziert fühlen. Die sogenannte „Übertragung“, ein Begriff aus der Tiefenpsychologie, ist eine Erklärung für diese Reaktion. Verdrängte, unterbewusste Erfahrungen und Befürchtungen können auf soziale Beziehungen „übertragen“ werden. Nur ein einziges Wort kann dadurch unangenehme Gefühle reaktivieren. Der Betroffene fühlt sich angegriffen und reagiert gereizt.
Provokation kann allerdings nicht nur negativ eingesetzt werden, sondern auch positive Wirkungen haben. Denn um Provokation erfolgreich zu entgehen, ist man gezwungen sich zu fragen, warum man sich provoziert fühlt. Dadurch entdeckt man vielleicht seine eigenen Ängste und Zweifel. In gesellschaftlicher Hinsicht können überkommene Konventionen gebrochen werden, konservative Ansichten überdacht und Diskussionen angeregt werden. So kann beispielsweise ein Kunstwerk provozieren und positiv wirken, indem es gesellschaftliche Debatten um vorhandene Probleme auslöst.
Provokation ist eben nur dann gefährlich, wenn der Provokateur etwas in seinen Gegner hineinprojiziert, was dieser gar nicht ist. Diese Annahme hat dann reale Konsequenzen, ganz nach dem Thomas Theorem: „If men define situations as real, they are real in their consequences“.

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