Über die Ungleichheit im brasilianischen Bildungssystem und westliche Privilegien

Es ist ein sonniger Tag mit strahlendblauem Himmel und ich treffe mich mit einem brasilianischen Kommilitonen, den ich erst kürzlich kennengelernt habe. Leo ist 21 Jahre alt, studiert Sozialwissenschaften und ist begeistert von Pierre Bourdieu. Wir unterhalten uns, soweit es mir meine sprachlichen Fähigkeiten ermöglichen, über die Ungleichheiten und den Rassismus in Brasilien. Ich frage ihn, wie er an die Universität in São Paulo (USP) gekommen ist und er erzählt mir, dass er bereits im Kindesalter von einem Lehrer gefördert wurde und ein Stipendium erhielt. Seine Eltern konnten ihn finanziell nicht unterstützen. Als ich ihn nach seiner Familie frage, weicht er aus und erwähnt beiläufig, dass er seinen Vater mit acht Jahren verloren hat und seine Mutter kürzlich verstorben ist. Mir verschlägt es die Sprache.

Leo ist nur ein Beispiel für die schweren Umstände in denen brasilianische Jugendliche der unteren Schicht aufwachsen und leider ist er nur einer der wenigen, die es bis an die Universität geschafft haben.

Seit ein paar Wochen fühle ich mich zunehmend schlecht mit dem Gedanken, dass ich als Europäerin ein Teil, wenn nicht sogar Grund für diese Ungleichheit bin. Das Nullsummenspiel, ist hier offensichtlicher denn je. Der Wohlstand der einen ist das Elend der anderen. Dass ich die Möglichkeit habe zu studieren, mir quasi ein Studium aussuchen kann und dafür auch noch finanzielle Unterstützung erhalte, kurz, dass es mir so gut geht, bedeutet eben gleichzeitig, dass jemand, der nicht in einer Wohlstandsgesellschaft wie Deutschland aufgewachsen ist, all diese Möglichkeiten nicht hat. In Deutschland würde ich mich keineswegs als wohlhabend bezeichnen, ich komme aus einer nicht-akademischen Familie, arbeite neben dem Studium und bin auch sehr dankbar BaföG zu erhalten. Dennoch stelle ich in São Paulo jeden Tag aufs Neue fest, wie einfach ich es verglichen mit einem Großteil der brasilianischen Bevölkerung habe. Alle brasilianischen Studenten, die ich bisher kennengelernt habe, arbeiten jeden Tag und besuchen nach der Arbeit noch Abendkurse, die bis 23 Uhr gehen. Um an der staatlichen Universität von São Paulo (USP) angenommen zu werden, müssen die Studenten regelrecht kämpfen.
Die Aufnahmeprüfungen sind schwer, besonders für jene, die vorher nur eine der überfüllten öffentlichen Schulen besucht haben. Nur die wenigsten können sich Privatunterricht oder den Besuch einer Privatschule leisten. Für viele Brasilianer stellt die Möglichkeit eines Studiums an der USP ein Schritt in eine bessere Zukunft dar. Mich hat die Realität der brasilianischen Studenten einmal mehr daran erinnert, was für ein Privileg es ist zu studieren.