Eine Zigarette mit Kevin Kühnert

(c) Paulina Albert

Er ist kleiner, als ich erwartet hatte. Braune Haare, wache Augen, schmale Lippen mit einer Zigarette dazwischen. Er antwortet auf meine Fragen, wie nur ein Politiker es kann. Es ist spannend zu beobachten, wie jede Antwort ausgeschmückt wird, zersetzt mit Grundsatzaussagen, denen man genauso wenig widersprechen kann wie seiner freundlichen Ausstrahlung. Heute findet in Hessen die 20. Landtagswahl statt. Auf meine Frage, ob er erneut das Ende der GroKo fordern wird, wenn die SPD in Hessen unter 20 Prozent fällt, erklärt Herr Kühnert, dass die eigentliche Frage doch sei, wie die großen Parteien in Zukunft zusammenarbeiten könnten und wie man sich eine Regierung nach der GroKo vorstellen würde. Was muss anders gemacht werden, wie können die Volksparteien neue Akzente in der Politik setzen? Kurz um: Die Frage nach der Zukunft!  

Eine gute Frage, doch ich möchte trotzdem wissen, ob er am nächsten Tag auf den Bruch der Koalition bestehen wird. Da lächelt er nur verschmitzt und sagt: „Auf Neuwahlen 2021 würde ich keinen Euro verwetten“. Am selben Abend noch wird er sich in einem Interview mit „Phoenix“ nach dem Bekanntwerden der Wahlergebnisse erstaunlich zurückhaltend geben. Er wird von vielen kleinen Feuern sprechen, die im Moment das Ende der GroKo bedeuten könnten, aber nicht den Anschein machen, als wolle er selber das kleine Feuer sein, das ihr den Todesstoß versetzt.  

Es ist nicht uninteressant, so ein Interview auf eine Zigarette. Man drängt sich auf in dem Moment der Ruhe. Ein Profi wie Kühnert lässt sich davon natürlich nicht aus der Fassung bringen und wirkt entspannter als auf dem Podium, wenn das überhaupt noch möglich ist. Gefragt nach der Wirtschaftspolitik der SPD holt er weit aus. Von Keynes und Truman bis hin zu Reagan hat er die Wirtschaftsgeschichte drauf. Natürlich müsse man da etwas ändern, vieles funktioniere aber auch. Eine faszinierende Quintessenz.  

Es ist eine unterhaltsame Zigarette, die man mit einem Politiker verbringen kann, aber sicher keine lehrreiche. Die wirklichen Fragen, ob die SPD sich vielleicht von den neoliberalen Wirtschaftsmodellen grundlegend distanzieren muss, ob die Koalition der beiden Volksparteien überhaupt noch eine Zukunft hat oder wo Kevin Kühnert wohl in ein, zwei Jahren steht, gehen in Rauch auf. Vielleicht ist ja auch gerade das der Sinn eines politischen Interviews: Rauch aufwirbeln und vielleicht eine Plattform bieten, um das ein oder andere kleine Feuer zu legen. Wer weiß, vielleicht wird jenes kleine Feuer, das die Politiklandschaft in Deutschland für immer verändert, ja noch gelegt, vielleicht sogar von Kevin Kühnert. Aber wahrscheinlich nicht im Falter, leider.