Brasilien nach der Apokalypse

Ein gespaltenes Brasilien und eine folgenreiche Wahl

In ganz Sao Paulo hörte man in der Nacht des Wahlsieges des ultrarechten Kandidaten, Jair Messias Bolsonaro, Feuerwerkskörper. Anhänger Bolsonaros feierten, eingehüllt in den Farben der brasilianischen Flagge, den Triumph über die Arbeiterpartei (PT). Die andere Hälfte der Bevölkerung fragt sich seitdem vor allem eins: Wie soll es jetzt weiter gehen?
Paola Mandalá, Professorin am Sprachinstitut der Universität Sao Paulo, beschreibt die gegenwärtige Situation mit zwei Worten „autorisierte Gewalt“. Im Unterricht verliert sie die Fassung, ihr kommen die Tränen und sie entschuldigt sich. Es ist der zweite Tag nach den Wahlen und der Schock sitzt noch tief in den Knochen. Bolsonaro möchte Waffengesetze lockern, Polizisten zum Töten autorisieren, indigene Bevölkerungsgruppen gewaltsam vertreiben und am liebsten ganz Brasilien privatisieren. Er vertritt sexistische und rassistische Ansichten, glorifiziert die ehemalige Militärdiktatur und wünscht sich seinen Sohn lieber tot, als homosexuell. Dennoch wurde er mit 55 Prozent der gültigen Stimmen zum Präsidenten von Brasilien gewählt.
Ein Tag nach den Wahlen kündigten „bolsonaristas“ ein Treffen an der Universität Sao Paulo via Facebook an. „Marcha do chola mai“, hieß das Event auf Facebook. Dieser „Marsch des Weinens“ ist als Provokation gegen die überwiegend links gerichtete sozialwissenschaftliche Fakultät gemeint. 2800 Personen wollten an diesem Event teilnehmen und über 15000 waren interessiert. Viele meiner Kommiliton*innen kamen an diesem Tag aus Angst vor gewalttätigen Aktionen gar nicht erst in die Universität. Es kam jedoch anders als erwartet – von den 2800 Teilnehmern des Facebook-Events waren weniger als zwanzig vor Ort. An der sozialwissenschaftlichen Fakultät hingegen versammelten sich über 500 Studierende.
In derselben Woche organisierten Professoren der sozialwissenschaftlichen Fakultät ein Treffen, um mit Studierenden, Mitarbeitern und Professoren gemeinsam darüber zu diskutieren, wie sie Widerstand leisten können. Der Andrang war so groß, dass die Professoren sich letztlich entschieden ihre Reden draußen in dem weitläufigen und überdachten Geschichtsgebäude zu halten. Und auch dort ließ der Andrang trotz miserabler Akustik und provisorischem Rednerpult nicht nach. In den Reden wird betont, wie wichtig es ist, auch mit den Menschen, die Bolsonaro gewählt haben, im Gespräch zu bleiben. Insbesondere der Politikwissenschaftler André Singer betonte, dass nicht alle Wähler Bolsonaros Faschisten seien und das Schuldzuweisungen die Debatten vergifteten. Das es derartige Entwicklungen, schon oft und überall auf der Welt gegeben habe. Es sei wichtig nun daran zu denken, dass diese schwierigen Phasen überwunden wurden. Er appellierte an die Studierenden Selbstkritik zu üben, in den Dialog zu treten und keine Angst zu haben, sich zu konfrontieren. Es sei vor allem wichtig sich die Argumente der Gegenseite anzuhören und den Menschen nicht das Gefühl zu geben, ihre Stimme zähle nicht. Nur so könne man der Strategie von Bolsonaro, die Gesellschaft zu polarisieren, entgegenwirken.