Eine letzte Zigarette

Nachruf

Von Hanno Rehlinger

Fünfeinhalb Zentimeter, rundlich weich in der Hand, herber Geruch nach Kiosk und vergilbten Zeitungen. Humphrey Bogart, mit regennassem Hut, dicke Wolken, die sich um Schnapsgläser und Anzugfalten legen. Staatsmänner hinterlassen bis zum Rand gefüllte Aschenbecher im ZDF. Eine große Philosophin sitzt im Interview, an ihrer Seite nur das dauernde Glimmen. So ist die Zigarette zum Symbol einer vergangenen Zeit geworden.

Heute ist das Wesen der Zigarette in Verruf geraten. Seit der Entdeckung des Krebsrisikos, dem tragischen Tod des Malboro-Cowboys und kürzlich, der Einführung der Schreckensbilder auf unseren Schachteln, ist das Rauchen fast schon ein Verbrechen. Diese Entwicklung hat ihre Berechtigung und ich werde mich glücklich schätzen, sollte sie dazu führen, dass meine Kinder und die Kinder meiner Freunde niemals damit anfangen.

Trotz allem würde ich gerne eine Lanze für die Zigarette brechen. Ich will kein Plädoyer für das Rauchen schreiben, mehr eine Erklärung. So wie man vielleicht einen alten Freund in Schutz nehmen würde, der zurecht in Ungnade gefallen ist, ohne den Versuch ihn zu rehabilitieren.

In einer Gesellschaft ohne Pause ist die Zigarette nämlich wichtiger denn je. Sie schafft eine künstliche Lücke, zwischen den Reizen, denen wir uns ohne Unterlass aussetzen. Die Momente der Ruhe sind sukzessive aus unserem Leben verschwunden. Es gibt andere Wege sie sich zurück zu holen. Manche Menschen meditieren, oder beten, andere machen Yoga, wieder andere joggen. Wir Raucher rauchen eben.

Die Argumente gegen den verlittenen Glimmstängel sind zahlreich und unanfechtbar. Es habe keinen Nutzen zu rauchen! Nicht mal ein Effekt, verspreche die Zigarette. Sie enthemme nicht, sie verändere nicht die Wahrnehmung, alles was sie tue, sei töten. Es ist überhaupt ganz und gar unlogisch zu rauchen.

Alle diese Argumente sind richtig, doch wer die Zigarette nur durch sie beurteilt, hat ihre Seele nicht verstanden. Er setzt die falschen Kategorien an, um ihr Wesen zu erkennen. Das Rauchen ist ein ästhetisches Phänomen. Es ist in erster Linie ein Innehalten. Eine Pause in unserer schnellen Welt. Die 4 Minuten die die Zigarette brennt, ist man außenvor. Man misst mit ihr die Zeit, ohne auf die Uhr gucken zu müssen. Eine natürliche Spanne, über die man nicht nachzudenken braucht, die man nicht in Sekunden oder Minuten zählen muss, nicht einmal in Zügen. Das Gefühl, wenn man abtaucht in der Badewanne, sich rückwärts unter Wasser gleiten lässt: 4 Minuten ohne Zeit.

Mit dem Tod Humphrey Bogarts, scheint auch die Ära der Fluppe ihr Ende gefunden zu haben. Sei`s drum, ich habe meinen Teil geschrieben. „Was ich jetzt noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im stehen.“