„Ich kann Politik nicht nur digital machen.“

Grünen Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt möchte Digitalisierung mehr für den Klimaschutz einsetzen – aber auch im Privaten. Ein Gespräch über Digitales, Klima, Bildung und Europa.

Falter: Welcher Moment aus 2018 sollte nicht in Ihrem Jahresrückblick auftauchen?

Katrin Göring-Eckardt: Es fallen mir zunächst die Momente ein, die auftauchen müssen, weil sie für die Zukunft so lehrreich sind. Die Trockenheit im Sommer zum Beispiel. Ich erinnere mich daran, wie ich einen Baum mit bloßen Händen aus dem Boden ziehen konnte, weil er nicht genug gewässert war. Im Sommer wurde die Klimakrise für viele plötzlich ganz konkret. Nicht schön war der Moment, als ich im Bundestag saß und eine Rede halten sollte, meine Notizen lagen aber noch im Büro. Ich dachte: Kann das gut gehen? Was machst du jetzt? 

Falter:Mussten Sie improvisieren?

Göring-Eckardt: Es wäre gegangen. Denn ich wusste ja, was ich sagen wollte. Aber ich hatte lange an der Rede gefeilt, da sind die Notizen eine hilfreiche Absicherung. Ein Mitarbeiter schaffte es noch rechtzeitig, mir den Zettel zu bringen. Am Ende habe ich dann kein einziges Mal darauf geschaut. Aber ja, improvisieren gehört dazu. Es passiert in der Politik ja Vieles, was nicht planbar ist.

Falter: Greta Thunberg hat auf dem Klimagipfel in Katowice gesagt: „Ihr sprecht nur darüber, Fortschritte zu machen mit denselben Ideen, die uns in dieses Schlamassel befördert haben, wenn das einzig‘ sinnvolle wäre die Notbremse zu ziehen.“ Hat sie auch bei Ihnen ein schlechtes Gewissen hervorgerufen?

Göring-Eckardt: Die Rede hat mich sehr beeindruckt. Sie ist 15 und schon jetzt ein Vorbild für Viele. Es ist klasse, wie sie für den Klimaschutz kämpft. Sie sprach mir aus dem Herzen, das war wie ein Schwesterngefühl von absolut tiefer Verbundenheit. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie sich das getraut hat und mit einer extrem großen Energie dabei bleibt. Es gibt heutzutage zwei Personen, von denen ich sagen würde, dass sie die besten Botschafter für die Bewältigung der Klimakrise sind. Das sind Greta und Alexander Gerst. Denn die Bilder, die er aus dem Weltall gemacht hat, die Texte, die er dazu geschrieben hat mit ihrer Klarheit und ihrer Entschiedenheit – das ist großartig und nötig.

Falter: Glauben sie, dass man den Klimawandel innerhalb unseres Systems lösen kann oder dass noch drastischere Maßnahmen notwendig wären?


Göring-Eckardt: Es ist klar. Wir brauchen einen Systemwechsel. Das Ende des fossilen Zeitalters ist längst da und die Frage ist, ob wir es schaffen wollen im nach-fossilen Zeitalter ökonomisch erfolgreich zu sein. Und ich bin davon fest überzeugt: Natürlich schaffen wir das, wenn wir es jetzt endlich anpacken. Digitalisierung und Ökologie gehören da eng zusammen. Das ist eine der besten Möglichkeiten, Energie und Ressourcen zu sparen. Genauso müssen wir Ökologie und Soziales zusammen denken. Von Klimaschutz sollten alle profitieren, gerade auch die Ärmsten. Auch bei uns wohnen an den dreckigsten Straßen immer die Ärmsten, die diese Luft einatmen müssen. Das gilt natürlich erst recht weltweit, da die größten Opfer der Klimakrise woanders leben, ohne ausreichende Nahrungs- und sichere Lebensgrundlagen. 

Falter: Wenn wir alles digitalisieren, werden wir noch stärker auf Strom angewiesen sein. Wie kann das mit Klimaschutz Hand in Hand gehen?

Göring-Eckardt: Der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix hat im Jahr 2018 einen neuen Rekordwert erreicht – er stieg erstmals auf über 40 Prozent. Das zeigt, es geht. Und wir müssen den Weg konsequent fortsetzen. Deshalb sagen wir: jetzt raus aus der Kohle und die zwanzig dreckigsten Meiler so schnell wie möglich abschalten. Und daneben gilt: Wir müssen lernen, die Digitalisierung bewusst dafür einzusetzen, sparsamer mit allem umzugehen. Die Digitalisierung kann uns helfen, effizienter zu wirtschaften mit weniger Transport- und Lagerzeiten. Man weiß genau, wie viel man wovon und wo braucht. Natürlich birgt die Digitalisierung auch Risiken, aber ich bin dafür, die Chancen zu sehen und sie zu nutzen. Für den Klimaschutz ist das einfach notwendig.

Die Digitalisierung kann uns helfen, effizienter zu wirtschaften mit weniger Transport- und Lagerzeiten.


Falter: In der Vergangenheit haben effizientere Technologien selten dazu geführt, dass weniger sondern eher, dass noch mehr produziert wurde. 

Göring-Eckardt: Es wurde aber auch Anderes produziert. Es gab immer auch Ängste vor der nächsten Revolution. Bei der Industrialisierung gab es die Angst, dass die Arbeitsplätze wegfallen. Das ist aber nicht passiert. Jetzt steht das Suffizienzzeitalter an, das Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wir beenden den Trend der Maßlosigkeit und müssen das ökologisch und sozial richtige Maß finden für Ökonomie und Wachstum. Wir haben nur diesen einen Planeten, mit dem müssen wir auskommen. Ein großer Gewinn der Digitalisierung ist zum Beispiel das Teilen, Mitbesitzen und die Möglichkeit auf Dinge zurückzugreifen, von denen man gar nicht wusste, dass sie in der Nähe existieren.

Falter: Haben Sie ein Beispiel dafür? 

Göring-Eckardt: Da geht es in der Stadt ums Carsharing und auf dem Land auch um einfache Fragen. Muss ich mir die Bohrmaschine oder das Waffeleisen kaufen oder kann ich es mir nicht aus der Nachbarschaft leihen? In meiner Nachbarschaft haben wir zum Beispiel eine Messenger-Gruppe und leihen uns darüber untereinander Geräte, die man nur hin und wieder braucht. Das kann jeder machen.

Falter: Angenommen jeder neugeborene Mensch verstärkt den Klimawandel alleine durch seine Existenz, dadurch dass er verbraucht und konsumiert. Ist es überhaupt noch vertretbar, Kinder zu bekommen?


Göring-Eckardt: Ja. Ich glaube, ihr habt festgestellt, dass ich religiös bin und für mich ist Leben Zukunft und Zukunft ist Hoffnung zum Besseren. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Und unsere Verantwortung ist, dass nicht nur wir gut auf unserem Planeten leben können, sondern auch unsere Kinder und deren Kinder. Wenn wir so weiter machen wie bisher, wird ihnen das nicht möglich sein. Das muss uns bewusst sein. Deshalb halten wir es für so essentiell, dass wir endlich umsteuern, denn ich bin ja selbst Großmutter und habe Enkelkinder und stelle mir selber manchmal vor, was ist, wenn sie erwachsen sind. Für mich ist das auch ein totaler Antrieb, in die Zukunft zu gucken.


Falter: Der Digitalpakt Schule wird zurzeit stark diskutiert, aber auch an den Hochschulen sieht es nicht besser aus. Wie kann man da den Fortschritt beschleunigen?

Göring-Eckardt: Wir haben gerade versucht, das Grundgesetz dafür zu ändern.

Falter: Aber das hat nicht geklappt.

Göring-Eckardt: Schauen wir mal. Mir wäre lieber, es wäre schneller gegangen. Aber die Länder haben Bedenken angemeldet und das ist ihr gutes Recht. Jetzt muss sich damit der Vermittlungsausschuss beschäftigen. Er kommt das erste Mal im Januar zusammen. Und ich hoffe sehr, dass es dort dann sehr schnell zu einer Lösung kommt. Denn es geht um eine Zukunftsfrage. Ich will, dass der Bund den Schulen und den Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland helfen kann, und dass Bildung nicht mehr davon abhängt, wo du herkommst. Damit wir gezielt auch in Hardware, also Tablets, und in Köpfe, also die Ausbildung der Lehrkräfte, investieren können, braucht es eine Grundgesetzänderung. Dass vielerorts Medienkompetenz außerschulisch organisiert werden muss, ist ein Versagen der Schulpolitik und auch der Hochschulpolitik, denn auch in vielen Unis steht die Digitalisierung noch nicht ganz oben auf der Agenda. 

Falter: Würden Sie, wenn Sie heute studieren würden, mehr digitale Inhalte nutzen?

Göring-Eckardt: Definitiv. Es ist bei mir ja schon ein bisschen her, damals war das noch kein Thema. Heute arbeite ich sehr viel mit Digitalem. Ich meine aber auch, ohne das Analoge geht es nicht. Ich kann Politik nicht nur digital machen. 

Falter: Es gibt eine Kluft zwischen den akademischen Kosmopoliten und den sogenannten „Abgehängten“. Wie können wir diese Kluft überwinden? 

Göring-Eckardt: Ich nenne drei Stichworte. Erstens: Bildung. Denn damit fängt es an. Wir sind das einzige Industrieland, das so große Unterschiede produziert. Es kommt immer noch zu sehr darauf an, welche Bildung die Eltern haben und wieviel Geld sie verdienen. Und das überträgt sich über mehrere Generationen hinweg. Es ist deprimierend, dass die Bundesregierung so wenig daran ändert. Wir haben immer noch viel zu viele Kinder in Armut. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt heute in Armut, obwohl wir ein reiches Land sind, das wirtschaftlich erfolgreich ist. Das kann doch nicht sein. Wir müssen also für mehr Bildung sorgen, die zu mehr Chancengleichheit führt. Wir brauchen zweitens eine Kindergrundsicherung, die sich an dem realen Bedarf von Kindern orientiert. Egal, ob ihre Eltern auf Grundsicherung angewiesen sind oder nicht, der Mindestbedarf von Kindern muss immer gesichert sein. Und der dritte Punkt ist: Die Institutionen müssen top sein.

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt heute in Armut, obwohl wir ein reiches Land sind, das wirtschaftlich erfolgreich ist.

Katrin Göring-Eckardt

Falter: „Top“ auf die Qualität bezogen? 

Göring-Eckardt: Ja. Die Leute, die Geld haben, die können sich Nachhilfe, den Musikunterricht oder die Mitgliedschaft im Sportverein kaufen. Aber das können Leute mit weniger Geld nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass die öffentlichen Institutionen top sind. Also von der Schule über die Uni, vom Schwimmbad bis zum Sportplatz, oder Bibliotheken.

Falter:Sehen Sie die oft privilegierten Studierenden in der Pflicht etwas zu tun, damit diese Kluft überwunden wird? 

Göring-Eckardt:Was heißt Pflicht? Das kann man ja nicht verordnen. Aber sich einen Kopf darüber zu machen, nicht zu denken „Was tut das Land für mich?“, sondern sich auch zu fragen „Was kann ich eigentlich für Andere tun?“ wäre sicherlich gut, auch für einen selbst, denn man lernt dabei sehr viel.

Falter: Es gibt immer mehr Menschen mit Universitätsabschlüssen im Verhältnis zu denen, die eine Ausbildung machen. Würden Sie das eher als eine positive Entwicklung bezeichnen oder als negative?

Göring-Eckardt: Das ist inzwischen fast eine ideologische Diskussion geworden. Ich finde das falsch. Denn jede und jeder soll das selbst für sich entscheiden. So ist es für die eine gut, einen Beruf zu lernen, für den anderen passt ein Studium besser. Und dann gibt es die, die fangen an zu studieren und merken, dass ein Studium nichts für sie ist. Was wir brauchen sind mehr gut ausgebildete Fachkräfte, egal wo sie gelernt haben. Wir streiten ja auch nicht umsonst für ein modernes Einwanderungsgesetz. 

Falter: 2019 stehen Landtagswahlen im Osten und die Europawahl an. Was sehen sie selber als größtes politisches Projekt für das neue Jahr?

Göring-Eckardt: Für mich sind das die Wahlen im Osten. Und das sage ich nicht nur, weil ich Thüringerin bin. Ich will, dass wir den Leuten den Rücken stärken, die dort für Toleranz und Weltoffenheit kämpfen. Und die Europawahl ist so wichtig, weil es da um viel mehr geht als nur um uns in Deutschland. Es geht um die Klimakrise genauso wie um die soziale Frage. Schauen wir uns nur an, was viele Konzerne hier eigentlich machen. Die einen zahlen brav ihre Steuern, wie das Café in dem wir gerade sitzen, oder der Buchladen um die Ecke und die anderen Großen überhaupt nicht oder viel zu wenig, wenn wir nur an Amazon oder Starbucks denken. Wir werden im Wahlkampf deutlich machen, dass Europa als großes Friedensprojekt eine riesige Chance des Zusammenlebens ist.

Falter: Sollen Studierende europäischer werden?

Göring-Eckardt: Ihr seid das hoffentlich! Noch europäischer geht immer, aber ihr seid die Generation, die am meisten über Ländergrenzen hinweg verbunden ist. Und es klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich altmodisch, aber ich bin in der DDR noch mit Grenzen aufgewachsen. Und ihr habt sie nicht mehr. Die Vorstellung, dass es wieder Grenzen gibt, wie zwischen Bayern und anderen Ländern, die dort Flüchtlinge abweisen wollen, ist für mich nicht akzeptabel. 

Falter: Wie sah ihr Weihnachtsbaum aus?

Göring-Eckardt: Er war grün. Geschmückt mit Äpfeln und Glaskugeln von meiner Oma. Aber mein Lieblingsweihnachtsbaum ist und bleibt Rupfi. Rupfi steht auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Er hat durch die Trockenheit im Sommer so wenige Nadeln, dass er ein bisschen arm aussieht, jedenfalls tagsüber. Deshalb heißt er Rupfi und hat sogar einen eigenen Instagram Account. 

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