Ein Kind ist kein toter Hamster

Louisa mit Louis

Für viele ist es nur schwer vorstellbar, für fünf Prozent aller Studierenden in Deutschland Alltag: Das Studium mit Kind bedeutet eine Menge Planung, Verzicht und Verantwortung. Es sorgt aber auch für viele glückliche Momente. Zwei Studentinnen berichten von ihren Erfahrungen. 

Der Anruf vom Frauenarzt kam, als Lisa in der Zentralbibliothek saß. „Sie sind schwanger. Herzlichen Glückwunsch!“. „Da schreit dein Kopf“, erzählt Lisa, 28, Ethnologie-Studentin im sechsten Mastersemester. „Ich habe mich draußen auf die Stufen am Briefkasten gesetzt und erst einmal gedacht, ich will das Kind nicht.“ Sie steckte mitten in den Vorbereitungen für ihre Feldforschung, elf Wochen Südafrika, der Flug war schon gebucht. Eine Woche setzte sie sich als Frist für die Entscheidung. Dann stornierte sie den Flug, schrieb viele Emails. „Ich habe mich für das Kind entschieden, eher aus dem Bauch heraus, und bereue das bis heute kein bisschen“, erzählt sie. Ihr Sohn Jorin ist jetzt fast zwei, geht in die Studentenkrippe (StuKi). Sie kümmert sich alleine um ihn. Von ihrem Freund, dem Vater des Kindes, ist sie seit ein paar Monaten getrennt. Jeden Morgen stellt sie sich den Wecker auf sieben Uhr. Ihr Sohn steht um halb acht auf, sie frühstücken dann zu Hause, das ist schöner als in der Krippe. Dann bringt sie ihn gegen halb zehn in die StuKi und fährt an die Uni. Gegen vier Uhr holt sie ihn wieder ab, dann gehen sie zusammen in die Stadtbibliothek oder einkaufen. Gegen sieben Uhr abends schläft Jorin ein, danach versucht Lisa noch etwas für ihre Masterarbeit zu machen. Das Leben mit Kind ist durchgeplant. „Man muss sich echt in den Arsch beißen und sagen, nein, jetzt geht die Uni und das Kind vor. Das bestimmt deine Zeiten.“ 

Auch für Louisa bestimmt ihr Kind den Tagesablauf. Sie ist 23, studiert Kultur und Gesellschaft, Geschichte und Soziologie im Bachelor. Vor fast drei Jahren kam ihr Sohn Louis zur Welt. Louisa war damals 20, stand kurz vor dem Abitur. Ihr Freund Oli, der Vater des Kindes, studierte seit zwei Jahren in Bayreuth. „Die Abiturzeit war die schwierigste Zeit meines Lebens.“, sagt Louisa. Es gab Komplikationen in der Schwangerschaft, bis in den neunten Monat war ihr oft übel. Trotzdem holte sie alles nach und lernte. Ihre letzte Klausur zur Abiturzulassung schrieb sie am Tag vor der Entbindung. Das war im April 2016. Ihr Abitur holte sie schon im November nach und begann zum Sommersemester 2017 mit dem Studium. Ohne die Unterstützung ihrer Familie hätte sie das nicht geschafft. Louisas Mutter kümmert sich oft um Louis. Vier Tage die Woche geht Louisa in die Uni. An diesen Tagen kümmert sich Louisas Mutter um ihn, bis Louisa ihn abends wieder abholt. In der Mittagspause fährt sie oft heim. An den anderen drei Wochentagen kümmert sie sich rund um die Uhr um Louis. Wenn er abends schläft, lernt sie für die Uni, manchmal bis zwei Uhr nachts.

Obwohl Louisa mit ihrem Freund Oli den Sohn zusammen großzieht, sind sich die beiden einig, dass Mütter deutlich mehr Arbeit mit dem Kind haben. „Ich habe über zwei Jahre gestillt. Ich war seit vier Jahren nicht mehr feiern. Louis schläft nie ohne mich ein. Deshalb kann ich nie weggehen. Oli konnte auch während der Schwangerschaft oder danach mit seinen Studiumsfreunden feiern gehen. Ich habe viele schlaflose Nächte, werde zwei bis acht Mal in der Nacht geweckt.“ Auch Oli nimmt eine gewisse Rollenverteilung in ihrer Beziehung wahr: „Ich spüre Druck, dass ich schnell mein Studium fertig bekommen muss, um Geld für meine Familie zu verdienen. Der Druck kommt nicht von Lou oder meiner Familie, aber von der Gesellschaft.“ 

Louisa kämpft dafür, dass das Studieren mit Kind einfacher wird. Sie ist in der Juso-Hochschulgruppe aktiv, bei den letzten Hochschulwahlen war sie auf dem Listenplatz 1. Als Elternbeauftragte setzt sie sich dafür ein, dass alle Informationen zum Thema Studieren mit Kind leichter zu finden sind. „Als ich mit Kind an die Uni kam, gab es kaum Informationen. Ich wusste nicht, dass man ein Urlaubssemester beantragen kann. Als ich das erfahren habe, war es schon zu spät. Es gab keine leicht auffindbare, konkrete Anlaufstelle. Viele Berater, mit denen ich gesprochen habe, konnten mir nicht helfen.“ Deshalb hat Louisa zusammen mit Lena Bitz von den Jusos eine Seite ins Leben gerufen, die alle Informationen bündelt. An sich gibt es viele Angebote von der Uni, die das Studieren mit Kind einfacher machen: Ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer, Stillräume, dann die drei Studentenkrippen. Eine ist direkt an der Uni, zwei weitere sind in der Stadt. Auch über Kleinigkeiten wie Hochstühle oder die Spielecke in der Mensa freuen sich viele studierende Eltern. Außerdem organisiert Louisa regelmäßig Vernetzungstreffen für Studierende mit Kind. Die sind vor allem für die Eltern wichtig, deren Kinder nicht wie das von Lisa in die StuKi gehen. Bis jetzt gab es zwei Treffen, das nächste findet nach den Semesterferien statt. 

Die Reaktionen von Kommilitonen beschreiben Louisa und Lisa beide als fast durchweg positiv. „Vor dem Studium hatte ich Angst, ob ich Anschluss finde. Mit Kind kann man nicht auf Partys gehen. Ich habe lange gestillt und kann nie nach acht Uhr abends weggehen“, erzählt Louisa. Tatsächlich hat sie viele Freunde gefunden, die sie unterstützen und sehr kinderlieb sind. An der Uni reagieren die Menschen sehr viel gelassener und weniger überrascht als in der Schule. Über manche Reaktionen ärgert sie sich aber doch, zum Beispiel wenn jemand die Arbeit unterschätzt und sagt, sie hätten auch einen Hund. „Man kann doch ein Kind nicht mit einem Hund vergleichen!“ Grundsätzlich nehmen alle aber viel Rücksicht. Louisas Juso-Hochschulgruppe fängt extra für sie alle zwei Wochen eher mit dem Treffen an und wenn sie in einer Lerngruppe ist, kommen die anderen abends zu ihr nach Hause, wenn Louis schläft. Lisas Freunde passen manchmal auf ihr Kind auf, selbstverständlich kostenlos. 

Das Studieren mit Kind schränkt die Lern- und Alltagsplanung ein. Wenn man zum Beispiel nur noch eine Woche bis zur Klausur hat und das Kind plötzlich krank wird, ist alles durcheinander. Wie Lehrende damit umgehen, ist sehr unterschiedlich und auch abhängig vom Studiengang. In den Kulturwissenschaften zeigen viele Dozent*innen Verständnis, verlängern Deadlines oder sind nachsichtig, wenn man nicht immer zum Seminar kommen kann. An der RW-Fakultät ist es schwieriger. Die Jurist*innen dürfen z.B. nicht die Bücher aus der RW-Bibliothek mit raus in den Eltern-Kind Raum nehmen. Louisa setz sich dafür ein, dass sich das ändert. Sie erzählt auch von einem Jurastudenten, der als frischgebackener Papa nach einer kleinen Fristverlängerung für eine Hausarbeit gefragt hat. Die ablehnende Antwort: „Am Ende kommen die Leute noch wegen eines toten Hamsters!“

Die größte Herausforderung für Louisa ist das Geld. Ihre Eltern und Olis Mutter unterstützen sie. Olis Mutter kommt aus Peru und unterstützt auch noch ihre Großfamilie dort. Sogar Louisas Opa geht noch arbeiten, was ihr ein schlechtes Gewissen bereitet. Um auch selbst Geld zu verdienen, gibt sie Führungen im neuen Schloss und in der Eremitage und macht Standarbeit bei der Verkehrswacht. Bafög bekommt sie keins, dazu verdient ihr Vater zu gut. Seit sie Louis bekommen hat, geht ihre eigene Mutter weniger arbeiten, weil sie sich oft um ihn kümmert. Louisas Eltern waren seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub.

Lisa mit Jorin

Anders sieht es für Lisa aus: Ihre Eltern können sie nicht finanziell unterstützen. Deshalb lebt sie ausschließlich von Transferleistungen. Sie bekommt den Bafög-Höchstsatz inklusive Kindergeldzuschlag, dazu das monatliche Elterngeld, das Familiengeld (Söder-Geld), dann das Kindergeld und einen Unterhaltsvorschuss, weil sie alleinerziehend ist. Insgesamt kommt sie im Moment auf 1600 Euro brutto. Dass es für Lisa so viel finanzielle Unterstützung gibt, hätte sie vorher gar nicht gedacht. „Echt krass. Wenn man einmal in der Bürokratie durchsieht und weiß, welche Gelder einem zustehen, ist man echt abgesichert. Ich kann im Moment zum ersten Mal in meinem Leben sparen.“ Einfach ist das trotzdem nicht immer. Gerade war sie wieder beim Amt, um einen Härtefallantrag zu stellen. Wegen des Kindes ist sie über der Regelstudienzeit. Wenn man aber Teilzeit studiert oder ein Urlaubssemester nimmt, gibt es kein Bafög mehr. Dass die Rechnung Regelstudienzeit plus Kind aber nicht ganz aufgeht, liegt nahe. Schwierig ist auch, dass sie keine Berufserfahrung außerhalb der Uni sammeln kann: „Ich habe noch gar kein Praktikum im Bereich Entwicklungszusammenarbeit gemacht. Dabei sind Praktika so wichtig. Aber das sind immer Ausschreibungen über zwei bis sechs Monate, da muss man in eine andere Stadt ziehen, braucht eine neue Wohnung, das Kind müsste in die Krippe gehen. Ich bin alleinerziehend, ich fall da raus. Das ist echt schade.“ 

Ein Kind zu haben, schränkt die Lebensplanung ein: Louisa wollte eigentlich Politikwissenschaft studieren, aber das gab es in Bayreuth nicht. In eine andere Stadt zu ziehen, kam nicht in Frage, denn Oli musste für sein Studium hierbleiben und ihre Eltern hätten sie sonst nicht unterstützen können. Also wählte sie ihr Studienfach nach dem Ausschlussprinzip. Ihre Wahl fiel auf Kultur und Gesellschaft. Das war am nächsten dran an Politik. Ihren Master möchte sie aber im Bereich Politik machen, am liebsten Internationale Beziehungen. Dann will sie mit Oli und Louis in eine andere Stadt ziehen. Oli wird nach seinem Abschluss gleich anfangen, zu arbeiten. Auch für Lisa hat die Geburt des Sohnes ihre Lebensplanung durcheinandergeworfen: Nach einem Journalistik-Bachelor in Bremen war sie nach Bayreuth gekommen, um mit einem Ethnologie-Master Afrika-Korrespondentin zu werden. „Ich wollte irgendwo in Afrika wohnen, am besten in Südafrika, da habe ich schon zwei Jahre meines Lebens gelebt. Da wollte ich eigentlich nach dem Master direkt wieder hin.“ Die Afrika-Pläne hat sie fürs Erste verworfen. Im Moment denkt sie daran, in Bayreuth zu bleiben und zu promovieren.

Doch auch wenn das Kind ihre Lebensplanung durcheinandergebracht hat – Louisa und Lisa sind glücklich mit ihrem Leben und Studium mit Kind. „Man hat das Gefühl, dass das Leben plötzlich einen Sinn hat“, sagt Louisa. „Man kann besser filtern, was wirklich wichtig ist“. Die schönsten Momente für Lisa sind die, wenn sie zum ersten Mal den Leuten aus ihrem Umfeld ihr Kind zeigt: „Ich weiß noch, als ich das erste Mal mit Jorin im Glashaus war, da war es super heiß, er hatte einen total roten Kopf. Alle haben sich gefreut, ein Glashaus Baby! Da ist man ultrastolz.“ Heute glaubt sie, alles richtig gemacht zu haben: „Ich war 26, ich war bereit. Eigentlich ist das doch perfekt. Das wird nicht mein letztes Kind sein.“ 

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