“Eine gute, gepflegte Feindschaft ist auch viel Wert”

Martin Sonneborn bei seinem Bühnenprogramm "Krawall & Satire" im Zentrum, Bayreuth

Vor seinem Auftritt am 25.01. im Zentrum hatte der Falter die Gelegenheit
dem Satiriker und Mitglied des Europaparlaments Martin Sonneborn Fragen zu stellen.

Warum sind sie heute nach Bayreuth gekommen?

Mein Agent hat gesagt, ich solle da mal hinfahren. Ich mache ab und zu Touren durchs Land, um die Landbevölkerung über das zu informieren, was sich in Europa tut. Da verschlägt es mich auch in sehr entlegene Ecken. Ich habe festgestellt, dass die Leute in Kleinstädten immer noch einfacher zu beeindrucken sind.

Sind sie vor der Veranstaltung eigentlich noch aufgeregt?

Ich bin müde, verkatert und wenig aufgeregt.

Im Mai sind Europawahlen und sie haben derzeit einen Sitz im Europaparlament. Was ist die Strategie für den Europawahlkampf der PARTEI?

Wir erleben in der EU gerade eine Phase der Remilitarisierung. Das ist in Deutschland noch nicht so angekommen. Wir haben im Parlament gerade den EU-Haushalt der nächsten sieben Jahre abgestimmt. Es sind zum ersten Mal größere Summen für Waffenentwicklung, Aufrüstung und Grenzsicherung eingeplant als für Entwicklungshilfe – obwohl es im Vertrag von Lissabon untersagt ist, dass die EU Gelder in militärische Projekte steckt. Die Waffenentwicklung umfasst auch Drohnen und Dinge, die von der TAZ als „Killer-Roboter“ bezeichnet werden. Bei der Grenzsicherung in afrikanischen Staaten sehen wir eine Entwicklung hin zu Konzentrationslager-ähnlichen Gebilden. Als Partei wollen wir auf dieser Welle der Remilitarisierung mitschwimmen. Deshalb haben wir unter unseren 30.000 Parteimitgliedern Leute mit prägnanten Namen gesucht, und die besten stehen zur EU-Wahl auf unserem Wahlzettel: Bombe, Krieg, Göbbels mit Ö, Eichmann, Bormann, Keitel, Heß. Das bringt uns nicht nur Sympathien in Österreich-Ungarn, ich hoffe auch, dass ein paar verwirrte alte CSUler uns wählen, und nicht Manfred Weber.

Mögen sie Manfred Weber?

Nein. Ich habe mal eine Rede im Europaparlament gehalten, in der ich gefordert habe, dass Deutschland pro Jahr nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte als das Mittelmeer. Außerdem habe ich auf meine Erfolge verwiesen: Ich habe die Engländer nach Hause geschickt, Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten degradiert und Helmut Kohl sicher vom Netz genommen. Weber sprang danach auf und beschwerte sich, ich hätte despektierlich über Altkanzler Kohl gesprochen – die Toten im Mittelmeer störten ihn offensichtlich weniger. Dazu ist Weber dafür verantwortlich, dass der windige Italiener Tajani neuer Präsident des Parlaments geworden ist. Weber hat es nicht geschafft, die deutschen Parlamentarier zu einigen, sodass sie am Ende für drei verschieden Kandidaten gestimmt haben. Daher haben wir jetzt einen relativ ineffizienten Parlamentspräsidenten. Ich mag ihn also eigentlich nicht, nein.

Wie schätzen sie denn die Erfolgsaussichten der PARTEI bei der Wahl ein?

Wir haben in der letzten Europawahl mit ungefähr 0,6 Prozent der Stimmen ein Mandat erhalten. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hatten wir 1 Prozent. Da bei Europawahlen weniger Leute wählen gehen, haben kleine, obskure Parteien wie wir Vorteile, weil wir unsere Klientel an die Urnen befehlen können. Ich glaube, dass auch die als grundgesetzwidrig abgeschaffte 5%-Prozent-Hürde eine Rolle spielen wird. Viele Leute haben in der letzten Bundestagswahl nicht die PARTEI gewählt, weil sie Angst hatten, die Stimmen seien verschenkt. Das wird es diesmal nicht geben. Deswegen hoffe ich, dass wir auf 1,6 Prozent kommen. Das wäre mein Wunschergebnis, weil es bedeuten würde, dass Nico Semsrott mit nach Brüssel kommt. Und der hat schon versprochen, 60 lustige Filme aus Europa zu liefern, jeden Monat einen. Wir kennen ja jetzt die Verhältnisse. Es gibt so viele lustige Dinge, über die man berichten kann. Das Parlament begreift natürlich nicht, dass das auch für die EU gut ist, weil wir Öffentlichkeit herstellen und Interesse generieren.

Was gibt es zu berichten?

Elmar „Brocken“ zum Beispiel. Der dickste, älteste und nach eigener Einschätzung bedeutendste EU-Parlamentarier, der aber jetzt nach 40 Jahren von der CDU nicht mehr aufgestellt wird. Ein furchtbarer Mensch! Ich setze mich schon seit Jahren mit ihm auseinander. Er hat das Schlamassel in der Ukraine mit zu verantworten, bezahlte seine Praktikanten nicht. Ein bekennender Choleriker. Er wirft mit Schlüsselbunden und Schuhen nach seinen Leuten. Dann zwingt er sie, ihm die Schuhe wieder anzuziehen, weil er selbst nicht gut an seine Füße heranreicht. Er war neben seinem Mandat über ein Jahrzehnt lang hochbezahlter Manager bei Bertelsmann. Der Parteienrechtler von Armin bezeichnete das mal als „legale Korruption“. Brocken hat erst Kohls, dann Merkels Willen im EU-Parlament durchgesetzt. Ich habe gerade ein Buch geschrieben über die viereinhalb Jahre im EU-Parlament, „Herr Sonneborn geht nach Brüssel“: Es gibt so viel Lustiges zu berichten, das hier in Deutschland nicht wahrgenommen wird. Das aber hilft, ein bisschen zu verstehen, wie europäische Politik gemacht wird.

Woher nehmen sie die Energie, sich seit Jahren mit so einem Menschen wie Elmar Brok auseinanderzusetzen?

Ich bin in einer gefestigten Demokratie aufgewachsen und habe ein großes Vertrauen in dieses System. Dieses Vertrauen ist in Europa in den letzten Jahren etwas erschüttert worden, nicht zuletzt durch Typen wie Brocken, Jo Leinen, der im Namen der SPD Demokratie in Brüssel abbaut, oder Herbert Reul. Das sind zum Teil Wirrköpfe, die in einer Demokratie eigentlich nichts zu suchen haben.

Was ist ihre Vision von Europa?

Ich würde mir Europa sozialer wünschen. Ich verfolge die Abstimmungen sehr interessiert, und es gibt, genau wie hier in Deutschland, eine unselige „GroKo haram“ im Europäischen Parlament. Eine konservative und eine noch konservativere Partei setzen zusammen ihre Interessen durch. Ich könnte, wenn ich ernsthaft arbeiten würde, 34 Stunden am Tag dagegen arbeiten, dass Bürger überwacht, ausgespäht, vergiftet und getäuscht werden. Ich glaube nicht, dass es eine Alternative zur EU gibt. Also, ich halte das schon für richtig. Meiner Meinung nach ist das Konstrukt in Ordnung, es ist nur mit den falschen Leuten besetzt. Wir haben einen konservativen Rat mit 28 meist konservativen Regierungschefs. Wir haben eine überwiegend konservativ besetzte Kommission mit 28 Kommissaren aus den Ländern und wir haben ein Europaparlament, dass kein Initiativrecht hat und auch noch überwiegend konservativ besetzt ist. Meine banale Empfehlung ist, dass die Leute in den europäischen Ländern linker und grüner wählen müssen. Ich sehe, dass Linke, Grüne, ein paar vereinzelte Liberale – also echte Liberale aus anderen Ländern, nicht unsere FDP-Typen – und ein oder zwei Sozialdemokraten im Europaparlament eher die Interessen der Bürger vertreten, während die Konservativen im Interesse ihrer Wahlkreisfirmen, der Wirtschaft und der Finanzindustrie agieren. Theoretisch könnte sich das ändern. Dann könnten wir ein Europa haben, das sozialer ausgerichtet ist, friedlicher, naturverbundener, in dem es keine Umverteilung von unten nach oben mehr gibt. Es ist genug Geld da. Man müsste es nur anders und gerechter verteilen.

War das dann auch die Motivation für sie, in die Politik zu gehen?

Nein. Wir haben die PARTEI aus dem einfachen Grund gegründet, dass wir im Jahr 2005 in der Titanic Redaktion zusammensaßen und nicht mehr wussten, was wir bei der nächsten Landtagswahl, bei der nächsten Bundestagswahl wählen sollten. Dann haben wir gedacht: gründen wir eine eigene Partei. Wir hatten vorher schon Wahlkampf für andere Parteien in deren Namen geführt, ohne dass diese davon wussten. Wir haben antisemitische und pornoorientierte Wahlkämpfe für die FDP durchgeführt, ausländerfeindliche für die CDU. Und wir sind für die SPD mal mit einem großen roten Mercedes Sprinter durch Bayern getourt, mit dem Slogan „Wir geben auf. SPD“. Das hat alles viel Spaß gemacht. Dann haben wir gedacht, jetzt machen wir das mal im Namen einer eigenen Partei.

Wie wichtig ist Freundschaft in der Politik?

Der Wert von zwischenmenschlichen Beziehungen allgemein wird sicherlich unterschätzt. Ich glaube, es läuft oft viel darüber, dass man Leute kennt und persönliche Beziehungen in andere Parteien und andere Länder hat. Aber Freundschaften dürften im Parlament eher selten sein. Ich selbst habe keine Freunde im EU-Parlament mehr, seitdem mein bester Kumpel Janusz Korwin-Mikke, ein verrückter Pole, zurückgetreten ist. Ein 76-jähriger Monarchist, der das Frauenwahlrecht in Europa abschaffen will, weil sich Frauen nicht für Politik interessieren. Er will mit Polen aus der EU austreten, was der einzige Punkt war, an dem sich unsere Interessen decken.

Sind Freundschaften wichtig für sie?

Ja natürlich, ohne sie wären wir alle seelenlose Roboter, die aneinander vorbei leben. Aber eine gute, gepflegte Feindschaft ist auch viel Wert. Deswegen bin auch sehr enttäuscht, dass Elmar Brocken nicht mehr aufgestellt wird. Ich habe neulich Nico Semsrott das Parlament gezeigt, Brocken kam um die Ecke und ich sagte zu ihm: „Mensch Brocken, halten sie durch, kämpfen sie, ich brauche Sie hier“. Er ist wutschnaubend weitergetrabt – er wird mir fehlen.

Könnte da jemand neues anstatt Brok kommen?

Natürlich ist niemand unersetzbar. Aber die alten Parlamentarier haben eine besondere Qualität: Es waren wirklich nicht unsere Besten, die wir früher nach Europa geschickt haben. Das sind zum Teil dumme alte Männer. Ich habe gerade Albert Deß kennengelernt, einen Bayern, CSU natürlich, der im Agrarausschuss eine Richtlinie eingebracht hat. Nach der dürfen Ökoprodukte, die Firmen verkaufen, nicht besser sein als den gesetzlichen Standards entsprechend. Eine Idee von absoluter Brillanz! Natürlich sollte man ein Produkt „biologischer“ herstellen dürfen als nach den von Lobbyisten und Wirtschaftsvertretern weichgespülten gesetzlichen Richtlinien, aber das will er verhindern, im Interesse der Großhandelsketten. Diesen Mann habe ich kürzlich bei einem Empfang für Verdi-Gewerkschaftler, die uns besucht haben, kennengelernt, da war er rotzbesoffen. Deß kam von einem Empfang, bei dem irgendein karibischer Inselstaat ordentlich Rum ausgeschenkt hatte. Ich hatte gerade eine etwas umstrittene kurze Rede gehalten, als Frau Merkel in Straßburg war, deswegen kannte er mich wahrscheinlich. Er sagte zu mir: „Herr Sonneborn, ich bin ja Vorsitzender der Freundschaftsgruppe Brasilien, wissen sie warum?“ – „Nein, warum denn?“ – „Schauen sie mal! In Brasilien gibt es die schönsten Pferde“. Er hat sein Handy rausgeholt und zeigte ein Bild von einem Reitpferd am Strand. Dann zog er das Bild auf und eine relativ leicht bekleidete Frau im Bikini erschien. Deß wieherte: „Die schönsten Pferde, höhöhö!“ Das ist so ein typischer, älterer CSU- Vertreter des Bundeslandes, in dem ihr studiert. Das sind andere Typen als die alerten und glatt geschliffenen Rechtsanwälte, die jetzt nachrücken in CDU/CSU und SPD. Ich vermisse solche Typen, die findet man in freier Wildbahn nicht mehr so häufig. Wo sonst konnten die so gut überleben?

Wie denken sie an ihr eigenes Studium zurück?

Das war wahrscheinlich die beste Zeit meines Lebens. Es waren die freiesten Jahre, die man früher hatte. Ihr habt sie nicht mehr. Ein Grund dafür, dass ich die Briten aus der EU geschmissen habe, ist, dass sie das Bologna System in Europa eingeführt haben, und in Folge dessen nach ökonomischen Maßstäben zurechtgerückte Studienpläne. Das ist absurd. Ich habe immer gesagt: Sobald wir an die Macht kommen, wird das alles rückabgewickelt.

Ich will, dass Studenten so studieren können, wie ich studiert habe – 15 Semester, alimentiert vom Staat.

Ich hatte eine Hängematte im Garten, sechs bis acht Wochenstunden, ein BAFöG-finanziertes Auslandsjahr in Wien. Ich finde, dass man Zeit haben sollte, sich zu politisieren, zu lesen, die Dinge zu verfolgen und herauszufinden, was man im Leben nicht machen will. Früher war die Studienzeit brillant, heute finde ich sie relativ hart. Es ist sinnlos, Leute nach zwei Jahren mit irgendeinem Bachelor in die Betriebe zu schicken. Sobald wir regieren, habt Ihr wieder 15 Semester Zeit und 1000 Euro im Monat. Und wenn Ihr fertig seid, stecken wir Euch in die Produktion.

Was kann man dagegen tun, dass viele Studierende weniger politisch sind?

Den Leuten in den Hintern treten. Das ist eine merkwürdige Generation, die heranwächst. Sie ist weniger politisch als früher, aber das haben unsere Eltern über uns auch gesagt. Ich habe den unbestätigten Verdacht, dass die nächste Generation immer dümmer wird als die vorherige. Ihr seid also praktisch dümmer als wir. Das sagen unsere Eltern über uns auch und unsere Großeltern über unsere Eltern. Aber diesmal stimmt es (lacht). Ich finde es problematisch, dass diese Geräte (zeigt auf sein Handy) die Hirne prägen, dass Aufmerksamkeitsspannen schwinden, dass die Leute nicht mehr zur Lektüre längerer Artikel oder Bücher fähig sind. Außerdem höre ich immer, dass Leute in eurem Alter doch sehr die Work-Life Balance im Blick haben und deshalb immer zuerst nach den Freiheiten fragen, bevor sie berufliche Verpflichtungen eingehen.

Wie viele Stunden arbeiten sie in der Woche?

Ich arbeite eigentlich immer, wenn ich nicht schlafe, im Kaffeehaus sitze oder betrunken bin. Das liegt daran, dass ich verschiede Berufe habe. Ich schreibe, sitze im EU-Parlament, wo ich allerdings in der Ausschuss-Arbeit eine absolute Niete bin, führe eine Partei, spiele in lustigen Filmen mit, bin Mitherausgeber des Faktenmagazins „Titanic“ und mache Lesereisen in die Provinz. Das Mandat ist auch damit verbunden, dass ich zum Beispiel einmal im Monat eine Woche nach Strasbourg fahre. Ich habe eigentlich immer zu wenig Zeit und vermisse meine Hängematte.

Ist das heute Abend eine Wahlkampfveranstaltung, und wenn ja, warum zahlt man dann Eintritt?

Das ist eine gute Frage. Ich mache eigentlich genau das gleiche wie Horst Seehofer: Ich bin Populist, trete vor besoffenem Bierzeltpublikum auf und gebe populistischen Unsinn von mir. Der einzige Unterschied zu Seehofer ist, dass er keinen Eintritt dafür kriegt. Ich nehme das als Anerkennung dafür, dass unsere Politik seriöser ist als die der CSU.

Wie weit sehen sie sich selbst auf dem Weg zur Weltherrschaft?

Wir sind noch nicht sehr weit, fürchte ich. Europa würde mir vorerst reichen und auch da sind wir noch lange nicht am Ziel. Ich hoffe, dass wir im nächsten EU-Parlament zwei Mandate haben. In dieser Legislaturperiode, in die ich ohne den Anspruch gegangen bin, politisch etwas zu bewirken, ist es uns trotzdem gelungen, in einer Pattsituation eine Datenschutzverordnung für ganz Europa mit einer Stimme zu entscheiden. Das war in einem Ausschuss, in dem ich mittels eines schmutzigen Geschäftsordnungstricks stellvertretend für Udo Voigt von der NPD eingesprungen bin und für ihn abgestimmt habe. Diese Datenschutzverordnung namens ePrivacy wurde in Deutschland in den Medien kaum thematisiert, weil die Zeitungsverlage in dieser Angelegenheit ihr eigenes Interesse verfolgen. Ich glaube, dass in der nächsten Legislaturperiode solche Fälle öfter vorkommen können. Wenn sich das Parlament anders zusammensetzt, mit weniger Sozialdemokraten und Konservativen, mehr Populisten und einem Macron, der sich mit den Liberalen verbindet, wird es mit etwas Glück öfter Pattsituation geben, in denen wir das Zünglein an der Waage spielen und einfach nach gesundem Menschenverstand entscheiden können. Das wäre mein Traum, dann hätten wir Europa praktisch im Sack. Das würde mir aber auch reichen, mit dem unappetitlichen Trump möchte ich mich nicht auseinandersetzen.

Sie sind Satiriker, aber auch Politiker. Sehen sie da keinen Gegensatz?

Ich bin Politiker, arbeite aber mit satirischen Methoden. Einen Gegensatz sehe ich nicht, es ist sogar recht effektiv, mit satirischen Mitteln zu arbeiten. Wenn ich zum Beispiel meine Botschaften mit einem kleinen Witz versehe, erhalten die Videos schon mal über fünf Millionen Klicks. Im Vergleich dazu haben andere deutsche Parlamentarier wie Elmar Brocken, Herbert Reul oder Jo Leinen eher so 35 Abrufe – wenn es gut läuft. Ich möchte natürlich trotzdem nicht, dass jeder damit anfängt. Im Gegenteil, ich finde es furchtbar, wenn die Abgeordneten im Bundestag versuchen, komisch zu sein. Sie sollen langweilig und trocken ihre Arbeit verrichten, für die sie gewählt worden sind. Ich dagegen habe nichts anderes gelernt, ich kann nur so arbeiten.

Wünschen sie sich mehr Satiriker?

Nein, auf keinen Fall. Es gibt schon viel zu viel Quatsch und Klamauk überall. Wir brauchen mehr Seriosität. Auf einen sehr guten Witz von Titanic im Netz kommen mittlerweile drei lustige, professionell und mit großem finanziellen Aufwand generierte Witze der heute-show, die mit öffentlich-rechtlichen Geldern bezahlt werden. Das gefällt mir nicht. Der Postillon z.B. hat sich seine Nische selbst hart erarbeitet und für die Netzwelt eine eigene prägnante Form gefunden, um die ich ihn beneide. Aber im Prinzip reicht die Hochleistungssatire von Titanic und FDP für Deutschland.

Würden sie sagen, dass bei der heute-show die Qualität leidet?

Fernsehen schaue ich so gut wie nie. Die heute-show habe ich immer nur gesehen, wenn ich selber dabei war. Ich weiß aber, dass Oliver Welke, der auch an Titanic geschult ist, gute Witze erkennt. Deshalb gehe ich davon aus, dass es Strategie ist, das Niveau zu senken, wenn man vier bis fünf Millionen Zuschauer erreichen will.

Ein paar Fragen über Bayreuth: Wie ist ihr Eindruck, Hui oder Pfui?

Jetzt im Winter und zu Festspielzeiten: Pfui natürlich! Der Dichter Thomas Gsella hat mal ein feinsinniges Gedicht über Bayreuth geschrieben, für SPAM, unsere ehemalige Satire-Rubrik bei Spiegel Online:

„Wenn Klunkerkuh und Aktiensack / Und Vollidiot und Hippe / Und das Polit- und Medienpack / Mit plastikdicker Lippe / Samt Gräfin Rotz und Arsch von Stenz / Und reichgebornen Gören / In einem Sud aus Prominenz / Und Scheiße Wagner hören / Dann mag, nicht wahr, ich bitte Sie / Der Teufel hocherfreut sein / Doch kann es also nimmer nie / im göttlichen Bayreuth sein“

Das war einer der wenigen Beiträge, die von der Redaktion abgelehnt wurden.

Was sagen sie dazu, dass die PARTEI nicht im Bayreuther StuPa vertreten ist?

Das ist natürlich schlecht. Für die PARTEI und für Bayreuth. Wieso ist sie es denn nicht?

Es gibt keine „Liste“.

Das ist in der Tat auffällig. Die meisten Universitäten haben ja mittlerweile eine.

Liegt das an Bayern?

Nein, das liegt daran, dass die Leute zu schnell studieren. Die Leute, die eine PARTEI-Liste gegründet haben, sind nach zwei Jahren fertig und wenn dann niemand einsteigt, dauert es wieder ein Jahr, bis jemand auf die Idee kommt, eine eigene Liste zu gründen. Man hat übrigens auch Vorteile, wenn man im StuPa sitzt, zum Beispiel längere Förderungszeiten beim BAföG. Und Wahlkampf ist nicht schwer, man hängt drei lustige Plakate auf, schaut ein bisschen, was die anderen Listen machen und reagiert darauf, schon sitzt man im Studierendenparlament. Ich kann nur dazu auffordern: Geht ins StuPa für die Liste.

Tucholsky hat mal gesagt: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Sind sie ein gekränkter Idealist?

Gute Frage. Ich kann das nicht auf die Schnelle analysieren. Aber ich meine, dass die Welt, so wie sie ist, nicht die beste aller Möglichkeiten darstellt. Ich glaube, zu Tucholskys Zeiten sprach aus „gekränkter Idealist“ vielleicht sogar die Hoffnung, dass da etwas Grundsätzlich zu ändern ist, die Möglichkeit eines Idealzustandes, einer Utopie; obwohl Tucholsky ja persönlich auch nicht glaubte, dass Satire eine Wirkung haben kann. Letzteres ist bei uns heute ähnlich. Wir glauben nicht, dass man mit Satire die Welt ändern oder retten kann. Eigentlich betreiben wir Satire für uns selbst, weil es einfacher ist, mit diesem ganzen Irrsinn umzugehen, wenn man mit einem guten Witz darauf reagieren kann. Insofern würde ich nicht mal sagen, dass man kein gekränkter Idealist sein muss, vielmehr kann das auch eine ganz egozentrische Note haben.

Sehen sie sich selbst eher als Optimisten oder Pessimisten?

Das kommt drauf an. Nach drei Tagen Alkoholkonsum und katerhaften Zustand sehe ich das eher pessimistisch, zumal wenn die Sonne nicht scheint und ich mich in Bayreuth befinde.

Die Fragen stellten Leon Knüpfer, Jakob Pegels und Felix Beißel. Fotos: Maya Krystosek