Jochen

Rauschgift, Rocker, Rotlicht. Dieses Analytische, das kommt bei Männern erst später.

Interview von Hanno Rehlinger und Helena Schäfer

„Hallo, wer bist du, was hast du dabei?“, das ist die Frage, die man immer wieder fragen muss, will man die Bayreuther Straßen sauber halten. Genau das ist die Aufgabe von Kriminalhauptmeister Jochen Bergmann und seiner Abteilung: Rauschgift, Rocker, Rotlicht. Wir fragen ihn aus, über die großen Fragen des Lebens, genauso wie die kleineren Fragen Bayreuths, zum Beispiel: Wie kommt das Geld zum Studenten?

Wie viel Meth gibt’s denn in Bayreuth?

„Wir müssen ganz vorne anfangen. Warum nehmen Menschen diese Sachen? Das ist ja die spannende Frage. Früher hast du damit versucht, mit der Traumwelt in Verbindung zu kommen, diese Sinneserweiterung zu haben, mit den Vorfahren zu reden oder dir auch erklären zu können, wieso wächst denn der Baum. Wir Menschen hassen eins: Ahnungslos zu sein. Auf die Frage „Was kommt nach dem Tod?“ antworten wir mit Spiritualität. Wir neigen dazu, auszubrechen. Wir haben einen Nervenknoten im Kopf, den haben alle Säugetiere. Delfine haben auch diesen Mechanismus. Die lutschen am Kugelfisch, um sich zu berauschen. Affen machen das auch, die essen bewusst vergorene Früchte. Das hat was mit Transzendenz zu tun. Ausbrechen aus dem Alltag. Mal nicht der Norm entsprechen. Dieser Moment, wo man sich denkt, jetzt ist eh alles egal, Eskalation, das ist der Moment, wo der kleine Nervenknoten die Kontrolle übernimmt. Dieser Nervenknoten ist Fluch und Segen zugleich. Der macht uns glücklich, der macht uns einen mega geilen Orgasmus, aber der macht uns auch süchtig.“

Ist es denn so einfach süchtig zu werden?

Den ersten Dealer meines Lebens finde ich im Freundeskreis. Das ist nicht diese ominöse schwarze Gestalt. Süchtig können wir von allem werden. Süchtig wirst du, indem du es nicht merkst. Süchtig bleibst du ein Leben lang. Sucht ist immer ein Unfall auf der Suche nach Glück.

Das heißt, das kann uns allen passieren? Auch ich kann süchtig werden, Jochen?

Bei uns hocken die Leute, mit denen der Normalo fast keinen Kontakt mehr hat. Oder hast du Kontakt mit jemanden, der Brennspiritus säuft? Was macht man, wenn der Wodka nicht mehr knallt nach der dritten Flasche? Brennspiritus ist Ethanol, versehen mit einem Brechmittel. Wenn du das trinken würdest, würdest du kotzen. Im Schwall. Aber man kann den Körper auf alles trainieren. Das dauert ein bisschen, aber es klappt. Ihr kennt ja vielleicht schon die Leute, die ihre zehn Bier wegstecken und immer noch gerade auslaufen können. Das sind leider genau die, die auf dem besten Weg sind, Alkoholiker zu werden. Die meisten Anfänger geben so 240 Euro im Jahr aus für Rauchen, Saufen, Kiffen. Da stell ich mir persönlich die Frage: Was gibt auf Instagram mehr Likes? Wenn ich mich in Bayreuth fotografiere, wie ich total stoned in der Ecke rumfliege oder wenn ich irgendwo am Strand liege? Weißer Sandstrand, schönes Meer, meine Liege, meine Palme. Und für das Geld kriegen wir das auch locker hin, dass der hübsche Barkeeper oder die hübsche Barkeeperin, wir leben ja in Gleichberechtigung, den Cocktail oben ohne zu uns an die Liege bringt.

Wie sieht es denn mit dem Meth in Bayreuth aus?

Meth? Absteigender Ast. Wir hatten insgesamt in Oberfranken um die 55.000 Straftaten im Jahr 2018. Davon fallen ca. 5000 Straftaten in den Rauschgiftbereich. Das ist eine Steigerung um 1,8 Prozent zum Vorjahr. In Bayreuth hatten wir letztes Jahr 72 Fälle mit Chrystal, knapp 30 Prozent weniger. Das sind ausschließlich Kontrolldelikte. An die Stelle von Chrystal sind Cannabis und Heroin getreten. Drogen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Bei Chrystal ging es um Schnelllebigkeit. Da ging es viel um Wirtschaft. Immer weiter. Immer schneller. Immer höher. Der Mensch ist geil auf neu. Der Mensch ist geil auf mehr. Als Gegenbeispiel: Hippie Zeit. Love. Peace und happiness. Die Leute hatten keinen Bock mehr auf Krieg. Die wollten mal entspannen. Also haben sie sich Dinge reingezogen, die einen ruhiger machen. Wir sind satt. Wir haben keine Lust mehr auf Hiobsbotschaften. Was war in den letzten Jahren? IS-Terror. Anschläge. Kriegshandlungen. Finanzkrise. Preise gestiegen, Löhne gleichgeblieben. Da haben die Leute keinen Bock mehr drauf, die wollen mal Ruhe haben. Deswegen geht der Graskonsum hoch.

Und wie viele Studenten ham schon mal?

Die Studentenschaft ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Es gibt in der Studentenschaft Hardcore-kiffer, Hardcore-Alkoholiker, es gibt ganz normale Leute wie du und ich. Studenten haben genauso wie alle anderen auch Verbindungen in die Rauschgiftszene. Ein Student ist mir in Erinnerung geblieben. Der hat so Microdosing betrieben. Der war der Meinung er ist ein verantwortungsvoller Konsument. Bei dem war es so, der hat ein plötzliches Lebensereignis gehabt. Liebeskummer. Der hat sich eingeigelt. Irgendwann kommt der Punkt, wo man denkt, man muss mal wieder raus. Also nimmt er was, um Party zu machen. An dem Abend kommt er jetzt auch noch mit einem Mädel in die Kiste. Jetzt hat er auch noch ein positives Erlebnis dazu und denkt sich, ich bin der geile Hengst. Das speichert sich ab. Wenn ich das konsumiere, geht es mir gut. Das will er wieder haben. Fixing the high. Also geht der wieder los. Boom. Treffer. Theorie bestätigt. Am Ende hat er Schwierigkeiten, seinen Konsum zu finanzieren. Denn: Wie kommt das Geld zum Studenten? Das Dealen ist der schnellste und einfachste Weg.