Rassismus an der Uni

Eine Studentin wird diskriminiert. Eine andere schaut zu.

Anonymer Gastbeitrag

Einer Kommilitonin geschah Unrecht, sie wurde diskriminiert und hat mich um Hilfe gebeten, aber ich habe mich nicht getraut, ihr beizustehen. Ich wollte nicht riskieren, selbst benachteiligt zu werden. 

Aber von Anfang an: Es geschah vor einigen Monaten in einem Seminar an der Universität Bayreuth. Das wurde von einer weißen Dozentin geleitet, unterstützt von einer Assistentin. In der betreffenden Stunde wurde fast ausschließlich die Position eines weißen Menschen in Bezug auf Rassismus beleuchtet. Die anwesenden Studentinnen waren bis auf eine dunkelhäutige Kommilitonin alle von weißer Hautfarbe.

Nach einiger Zeit meldete sich die dunkelhäutige Studentin zu Wort und wies darauf hin, dass die Dozentin wiederholt von „wir“ im Zusammenhang mit „weiß sein“ gesprochen hätte. Die Kommilitonin erklärte, dass sie sich von diesem „wir“ nicht angesprochen fühlte und fragte nach, in wieweit man im Seminar auch ihre Position als dunkelhäutiger Mensch beleuchten würde. Daraufhin erwiderte die Dozentin, dass sie (die Studentin) mit dem „wir“ tatsächlich nicht gemeint sei.

An dieser Stelle hatte ich ein sehr befremdliches Gefühl: Eine Teilnehmerin wurde als einzige der Anwesenden nicht angesprochen, und zwar aufgrund ihrer Hautfarbe. Die Dozentin ergänzte, dass die Assistenz die Position der dunkelhäutigen Teilnehmerin im Seminar vertreten solle, als PoC („Person of Color“, nicht-weiße Person). Allerdings kam diese wesentlich weniger zu Wort als die Dozentin und hat die Position eines dunkelhäutigen Menschen in meinen Augen mangelhaft beleuchtet. Von der Assistenz kam zum Beispiel die Äußerung, man solle Menschen über Kleidung definieren und beschreiben, nicht über die Hautfarbe. Des Weiteren kam von ihr der Hinweis darauf, dass es bei Rassismus viel um Gefühle gehe, es also zu berücksichtigen gilt, wie sich die diskriminierte Person fühlt, nicht etwa vorrangig, was die Intention des diskriminierenden Verhaltens war.

Trotz dieser Aussage wurde die dunkelhäutige Studentin nicht mit in die Diskussion eingebunden, beispielsweise bei der Frage, wie dunkelhäutige Menschen genannt werden wollen. Dies fand ich sehr seltsam. Wieso hat man hier nicht die Betroffenenkompetenz der Studentin genutzt? Und noch schlimmer: Wie mag sie sich gefühlt haben, als eine Gruppe Weißer darüber diskutiert hat, wie man Schwarze wohl nennen solle? Ohne sie auch nur einmal zu fragen? Gedankenloser geht es in meinen Augen kaum.

Die Dozentin hat weitere – in meinen Augen – unprofessionelle Äußerungen getätigt, zum Beispiel: „Es gibt nun mal eine Hierarchie von Schwarz und Weiß“, „wir können nicht rassistisch diskriminiert werden“, „wir können uns auch alle einopfern auf der Sexismusschiene, denn da sind wir alle deprivilegiert, auf der Rassismusschiene geht das nicht“. (Es waren ausschließlich Teilnehmerinnen anwesend.)

Letztlich erklärte die Seminarleitung, dass das „jetzt alles sehr unangenehm ist“ und sie wechselte abrupt das Thema. Ich weiß von der Studentin, dass sie dadurch das Gefühl hatte, unerwünscht zu sein, da man nicht angemessen auf ihre Einwände einzugehen wusste und dass sie glaubt, sie habe deshalb zu einem allgemeinen Unbehagen im Seminar geführt.

Leider hatte das Seminar noch weitere negative Folgen für die Studentin: Sie wollte sich mit Kritik und Fragen an die zuständige Studiengangskoordinatorin wenden. Diese verwehrte jedoch das Gespräch. In aller Deutlichkeit: Eine Kommilitonin möchte mit der Studiengangskoordinatorin darüber sprechen, dass sie in einem Seminar diskriminiert wurde, und es wird ein Gespräch darüber abgelehnt! Außerdem wurde die Studentin wenige Tage nach dem Vorfall massiv eingeschüchtert: Sie wurde per E-Mail von der Dozentin zu einem Gesprächstermin unter Anwesenheit eines Juristen der Universität geladen. Wenn sie nicht zum Termin käme, müsse sie mit einer Anzeige rechnen. Sie habe unerlaubterweise Tonaufnahmen der Veranstaltung gemacht und diese möglicherweise weiterverbreitet.

Fakt ist, sie hatte einen Teil des Seminars aufgezeichnet, aber lediglich als Gedächtnisstütze für sich selbst, da sie der Vorfall aufgewühlt hatte und sie sich die Reaktionen zu Hause noch mal in Ruhe anhören wollte. Sie wusste nicht, dass man Tonaufnahmen ohne Einverständnis auch für den privaten Gebrauch nicht anfertigen darf. Weiterverbreitet wurde die Aufnahme von ihr nicht. Ich will diese Aufnahme nicht rechtfertigen, das war ohne Frage falsch. Aber ist die Reaktion der Universität angemessen? Sicher nicht. Hier hat man die Machtkeule geschwungen, und zwar mit aller Gewalt. Offenbar hat jemand die Tonaufnahme bemerkt, eine mögliche Verbreitung dazu gedichtet und die Seminarleitung davon informiert. Wäre es nun nicht normal gewesen, das Gespräch mit der Studentin zu suchen, ohne mit juristischen Folgen zu drohen? Wäre es nicht sinnvoll, in Erstsemestereinführungen darauf hinzuweisen, dass Ton- und Bildaufnahmen von Lehrveranstaltungen der Zustimmung des Dozenten bedürfen? (Dies hat die Studentin vorgeschlagen, damit derartige Konflikte aufgrund von Unwissenheit künftig vermieden werden können, das hielten die Dozentin und Assistenz laut eigenen Worten für nicht notwendig. (Es wurde aber vermutlich dann doch mit nicht anonymem Verweis auf den Vorfall mit der Studentin getan.) Ist das Ganze als Einschüchterungsversuch zu werten? Wollte man damit sicherstellen, dass die Studentin Angst bekommt und ihre Kritik nicht offen äußert?

Der Vorfall hat viele Facetten: Eine Dozentin, die nicht gerade feinfühlig mit dem Thema Rassismus umgeht. Eine Studiengangskoordinatorin, die ein Gespräch mit einer hilfesuchenden Studentin geradewegs ablehnt. Kommilitoninnen, die mit der betroffenen Studentin mitfühlen, ihre Ansicht teilen, ihr versprechen, ebenfalls Kritik zu äußern – und dann doch nichts tun.

Es ist einfach, Zivilcourage zu bewundern oder andere zu kritisieren, wenn sie nicht genügend Rückgrat zeigen, um für ihre Überzeugungen einzustehen. Aber ich habe gemerkt, es ist ungleich schwerer, selbst zu seiner Meinung zu stehen und etwas zu riskieren. Ich habe dabei zugesehen, wie eine Dozentin eine Kommilitonin ausgrenzt. Die Studentin hat mich gefragt, ob ich gegebenenfalls als Zeugin zur Verfügung stehen würde, und ich habe abgelehnt. Aus Angst, selbst dadurch Nachteile erfahren zu können. Seither habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich traue mich immer noch nicht, die Dozentin offen zu kritisieren; die universitären Machtverhältnisse sind mir zu bedrohlich. Aber ich möchte mit diesem Artikel wenigstens darauf aufmerksam machen. 

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