Mal eine andere Geschichte vom Karneval

Neide mit ihrer Schwiegertochter und Tochter (v. l. n. r.)

Wie brasilianische Bierverkäufer den Karneval (üb)erleben

Es ist unglaublich heiß an diesen Tagen in Salvador. Der Schweiß rinnt unaufhörlich von meiner Stirn und tropft auf meine Shorts. Neide sitzt auf einem kleinen Plastikhocker und stützt einen Sonnenschirm auf ihren Schoß. Vor ihr stehen zwei Kühlboxen mit dem Emblem von „Skol“- der meistvertretenen Biermarke in Brasilien.  

Eigentlich ist alles an dem kleinen Stand von Skol gesponsert – genau wie die Stände der hundert anderen Verkäufer, die sich entlang der Avenida Sete säumen und den ersten Karnevalszug erwarten. Manche ruhen sich noch im Schatten ihrer Sonnenschirme aus, haben Pappen und Decken auf dem Straßenboden ausgebreitet und liegen wie Sardinen in der Büchse nebeneinander. Die meisten sind am Vorabend angekommen und haben bereits die erste Nacht auf der Straße übernachtet. Sieben weitere Nächte folgen noch. Neide ist 47 Jahre alt und dreifache Mutter. Sie ist aus der etwa sechzig Kilometer entfernten Kleinstadt „Dias d´Ávila“ mit ihren zwei Enkelkindern (Keison (10) und Caio (4)), ihrer Tochter Jessica (25) und ihrer Schwiegertochter Alana (25) angereist. Seit zwölf Jahren verkauft Neide Bier zum Karneval in Salvador – eine Geldeinnahme auf die sie nicht verzichten kann. Sieben Tage und Nächte arbeitet sie. Wenn das Karnevalprogramm eine Pause einlegt, kann sie sich um vier Uhr Nachts für drei Stunden ausruhen. Die prekäre Sicherheitslage erschwert es ihr jedoch, Schlaf zu finden. Für die Verkäufer stehen keine Sicherheitskräfte zur Verfügung. Neide berichtet von Vergewaltigungen und Raubüberfällen. Damit Neide, ihre Tochter und Schwiegertochter etwas geschützt schlafen können, arbeiten sie in Schichten.

Neide sieht müde aus, ihre kurzen Haare ergeben einen dünnen Zopf, an dessen Seiten abgebrochene Haarsträhnen herausstehen. Es fehlen nicht nur Sicherheitskräfte für die Verkäufer, sondern auch ausreichend Hygieneanlagen. Während der sieben Tage des Karnevals duschen sich Neide, Jessica und Alana trotz der Hitze nur einmal am Tag. Duschen kostet 3 Reals (umgerechnet 75 Eurocent). Öfters zu duschen können sie sich nicht leisten. Wenn sie auf die Toilette müssen, sind sie auf die aufgestellten mobilen Toiletten angewiesen, die nicht gereinigt werden. 

An zwei Tagen sammelt Neide auch Dosen und Flaschen, um sie an Abnahmestellen zu verkaufen. 20 kg brachte der mit Bierdosen und Plastikflaschen gefüllte Sack auf die Waage. Dafür bekam Neide 100 Reals – umgerechnet 25 Euro.  

Sie ist dankbar für die zusätzliche Einnahme; jeder Cent hilft ihr die Miete, Essen und das nötigste für ihre Familie zu bezahlen. Ihre beiden Enkelkinder, Caio (4) und Keison (10) verbringen den Karneval in einer Schule unweit des Stands. Die Regierung hat dort Betreuer, Ärzte und Psychologen angestellt, die sich um die Kinder der Verkäufer kümmern. Zumindest sie müssen nachts nicht auf der Straße schlafen. In den Schulen werden für die Kinder auch kostenlos Mahlzeiten zubereitet und ausgegeben. In Neides Familie hat niemand einen festen Arbeitsplatz. Um sich über Wasser zu halten, verkaufen sie Kleinigkeiten wie Kaugummis oder Wasser auf der Straße. Mit den Einnahmen finanziert die siebenköpfige Familie Strom und Essen. Es gab auch schon Tage ohne Essen. „Manchmal weiß ich nicht, was ich den Kindern zu essen geben soll“, sagt Neide. Vom Geld des Bierverkaufs möchte sie ihren Enkeln zwei Schulrucksäcke kaufen. Die Einnahmen schwanken stark zwischen 500 und 2000 Reals, was umgerechnet 125 bis 500 Euro sind. Die Position des Bierstands und die Routen der „Trio Electricos“ – die LKW Karawanen auf denen die Bands durch Salvador fahren – bestimmen im Wesentlichen die Einnahmen. Ob sich die schlaflosen Nächte auf der Straße, die mangelnde Hygiene und die Gefahr gelohnt haben, wissen die Verkäufer jedoch erst oft am Ende des Karnevals. 

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