„Eine verzehrende Sucht”

Oder: Was Bachmann von den EBooks halten würde

Von Hanno Rehlinger

„Es hat auch mit dem Umblättern zu tun, mit dem Jagen von einer Seite zur anderen, der Flucht, der Mittäterschaft an einem wahnwitzigen , geronnenen Erguß, es hat zu tun mit der Niedertracht eines Enjambements, mit der Versicherung des Lebens in einem einzigen Satz, mit der Rückversicherung der Sätze im Leben. Lesen ist ein Laster, das alle anderen ersetzen kann […].“ So antwortet Bachmann Herrn Mühlbauer auf Frage 4, in ihrem Buch Malina. Seit ihrer Zeit hat sich das Lesen verändert. Das Umblättern ist in den Hintergrund getreten, meinen Einige.

53% der Deutschen lasen laut einer PWC Umfrage im Dezember 2017 E-Books. Bedeutet das, das Zeitalter der Buchrücken ist endgültig vorüber? Ich halte diese Frage für Blödsinn! Nur weil wir jetzt Sexpuppen haben, werden die Leute ja auch nicht aufhören sich anzufassen. Jeder der Lesen liebt, wird die Bücher nicht im Stich lassen. So ein Buch riecht, es hat Wachsflecken, vielleicht sogar eine Salami zwischen zwei besonders schönen Seiten. Man schlägt ein altes Buch auf und findet die Geschichte von Menschen darinnen, eine Widmung mit Bleistift in den Deckel gekritzelt: „Für meinen Enkel, von Opa, den es einmal gab“. Ein Mann ist gestorben, er hinterlässt eine Bibliothek, eine Sammlung, über 10.000 Bücher, die meisten davon über die Philologie Nordeuropäischer Stämme. Sie sind nutzlos ohne ihn. Ein Bezugssystem ohne sein Zentrum. Niemand will die Bücher, die Witwe lebt allein mit ihnen in einem großen Haus, ohne sie zu lesen. Ein weniger eindrucksvolles Bild, wenn es nur ein Tablet wäre, an dem sie täglich vorbeilaufen würde, nicht wahr?

Ein Drittel der deutschen Bevölkerung wehrt sich nach wie vor gegen E-Books. Diese Zahl ist konstant geblieben. Bedeutet das, dass, wer wirklich liest, das EBook ewig mit Verachtung strafen wird? Blödsinn! Jede, die lesen liebt, wird sich auch ein EBook nicht verbieten. Warum sollte Sie? Es gibt Sie alle! Selbst die Farmerstochter aus dem Jemen braucht nur ein Handy und das Internet, um Goethes gesammelte Werke zu besitzen. Warum sollte Sie? Ist eine andere Frage… Es gibt die meisten Klassiker des letzten Jahrhunderts fast umsonst. Jederzeit und überall hat Sie Zugang zu den großen Sätzen unserer Zeit. Nicht mehr ans Regal gefesselt, verdammt, auf Reisen einen ganzen Bücherkoffer mitzuschleppen. „[…] Ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir […]“. Welcher Heroin-Junkie würde denn auf fertig zugeschnittene Folien verzichten, nur weil die alten vom Dönermann so schön nach Soße riechen?

Nein, die Zeit der Druckertinte ist bestimmt nicht vorbei, und wer das nicht versteht, öffne sich ein Buch, egal ob neu oder alt, er drücke den Daumen auf die letzte Seitenkante und, während er die Blätter mit ein wenig Druck über die Fingerkuppe springen lässt, sollte er die Nase in den Luftzug halten. Natürlich werden EBooks einen immer noch größeren Teil unserer Lesekultur ausmachen. Die Behauptung, das EBook sei der Untergang des Drucks, ist jedoch ein fürchterliches Missverständnis. Es ist falsch, die Beiden gegeneinander auszuspielen: Wer Bücher liebt, wird sie in allen Formen zu sich nehmen.