Die Zeit dazwischen

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Robert Seethaler zeichnet in seinem Roman „Ein ganzes Leben“ das Bild eines einsamen Mannes. Dabei wirft er Fragen auf: Was ist ein gutes Leben? Wodurch entsteht Zufriedenheit?

von Lena Fiala

Wie wäre es, wenn jemand dein ganzes Leben in ein Büchlein mit 185 Seiten fassen würde? Ginge das überhaupt? Vielleicht wäre es viel zu wenig Platz, um all deine Erlebnisse, all die kleinen und großen Momente, an die du dich erinnerst, angemessen zu beschreiben. Aber ist es jedes Leben wert, in einem Buch verewigt zu werden? Sind die Erfahrungen einer durchschnittlichen Person überhaupt so bedeutungsvoll, dass sie dessen würdig wären?

Robert Seethaler erzählt in seinem Roman „Ein ganzes Leben“ von einem Mann, der ein einfaches Leben führt. Andreas Egger ist Knecht, Holzfäller, Seilbahnbauer, Soldat und gegen Ende seines Lebens sogar Fremdenführer. Niemand weiß genau, woher er kommt oder wann er geboren wurde, seit er im Sommer 1902 als vierjähriger Junge aus einer weit entfernten Stadt in das Alpendorf kam.

Der Schwager seiner verstorbenen Mutter hatte ihn widerwillig aufgenommen, aber nur, weil ein kleiner Lederbeutel mit Geldscheinen um seinen Hals baumelte. Als uneheliches Kind wird er auch in den darauffolgenden Jahren seiner Kindheit nicht besonders gut behandelt. Er hinkt, seit er bei einer der zahlreichen Züchtigungen mit der Gerte durch seinen Onkel einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hat, welcher von einem „Knochenrichter“ falsch behandelt wurde.

Seethaler beginnt seine Erzählung mit einem Schlüsselmoment in Eggers Leben, als er einen alten Ziegenhirten aus seiner abgelegenen Hütte ins Tal hinuntertragen und so vor dem Tod retten will. Das ist jedoch gar nicht in dessen Sinn, weshalb er, kaum unten angekommen, wieder in die Höhen der Berge verschwindet. „Bleib stehen, du blöder Hund! Dem Tod ist noch keiner davongerannt!“, ruft Egger ihm hinterher.

Als Egger danach in das Wirtshaus „Zum goldenen Gamser“ einkehrt, um sich aufzuwärmen und den Schock zu verarbeiten, trifft er zum ersten Mal auf die Kellnerin Marie, seine zukünftige Ehefrau.

Zumeist verwendet der Autor einfache Worte, die dafür aber umso mehr die Schwere und Schmerzlichkeit so mancher Ereignisse in diesem Roman spüren lassen. Auch Andreas Egger ist kein Mann der großen Worte oder Emotionen. Das einzige Mal, das er wirklich auftaut, ist, als er Marie kennenlernt. Er zerbricht sich den Kopf darüber, wie er um ihre Hand anhalten kann, nur um sie kurz nach der Hochzeit und ihrem Einzug in ein gemeinsames Haus durch eine Lawine wieder zu verlieren. Das Leben in den Bergen ist hart – und die Natur schert sich nicht um Dinge wie Gerechtigkeit.

Solch ein isoliertes Leben in den Bergen wäre heute gar nicht mehr vorstellbar. Doch die Ankunft der Moderne macht sich auch in dem bisher von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf langsam aber sicher bemerkbar: Die Dorfbewohner sitzen im Goldenen Gamser voll Erstaunen vor dem ersten Fernsehgerät, dass sie je gesehen haben. Egger hilft dabei, die Seilbahnen zu bauen, die die Touristen in die Berge bringen sollen und kämpft im zweiten Weltkrieg an der Front im russischen Kaukasus.

Das sind auch die einzigen beiden Gelegenheiten in seinem Leben, die ihn dazu zwingen, das Dorf zu verlassen. Im Alter will er noch einmal die Welt sehen: Er steigt in einen Bus, der ihn ins Tal bringt. Doch was soll er dort eigentlich? Er fährt wieder zurück nach Hause.

Ein Leben wie das von Andreas Egger, das heute gar nicht mehr denkbar wäre, wirft Fragen auf. Was ist ein gutes Leben? Wie schafft es dieser Mann, der nie allzu großes Glück hatte, mit den Schicksalsschlägen in seinem Leben fertig zu werden? Wie kann er in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit glücklich sein? Und doch blickt er am Ende seines Lebens zufrieden auf das Geschehene zurück:

„[…] Egger [wurde] neunundsiebzig Jahre alt. Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt […] und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen. […] Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, woher er gekommen war und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.“            

Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit, die den alten Egger glücklich macht. Und die Erzählung über sein Leben ist definitiv lesenswert – wie es wohl die Ereignisse jedes Lebens auf die eine oder andere Weise wert wären, erzählt zu werden. Es kommt nur eben sehr darauf an, wie man Dinge erlebt, welche Sicht man auf sie hat und wie man schließlich von ihnen erzählt.