A Great British Hero

In Großbritannien wird ein 100-jähriger Veteran zum Helden der Coronakrise. Diese Geschichte erweckt eingestaubten britischen Nationalstolz zum Leben und verdeckt gleichzeitig, wie schlecht das Land für diese Zeit gerüstet ist.

Von Helena Schäfer

Illustration: Paulia Albert

Jeden Donnerstag klatschen die Menschen auf ihren Balkonen für die Mitarbeiter des National Health Service (NHS). Der Streetart-Künstler Banksy ehrt sie mit einem Kunstwerk, das die gleiche Botschaft verbreitet: Krankenpfleger und Ärztinnen sind die Helden der Stunde. Neben dieser Form der Anerkennung, die schon in einigen Ländern auflebte, hat Großbritannien seinen ganz eigenen nationalen Helden gefunden: Den 100-jährigen Veteran Captain Tom Moore. Mit seinem Rollator ging er 100 Runden durch den eigenen Garten und sammelte damit 32 Millionen Pfund für den nationalen Gesundheitsdienst. Als Zielsumme hatte er sich 1000 Pfund gesetzt. Kurz darauf stürmte er auch noch die Charts mit einer Coverversion des beliebten Klassikers „You’ll Never Walk Alone”, die er mit dem Sänger Michael Ball und dem Chor des NHS aufnahm. Seinen 100. Geburtstag feierte er Ende April als Popstar. Menschen aus dem ganzen Land schickten Postkarten, darunter die Queen, er bekam eine Flugzeugshow von Militärfliegern und sein Gesicht wurde auf großen Leinwänden am Piccadilly Circus in London gezeigt. Jetzt gibt es auch noch die höchste aller Auszeichnungen des Landes: Er wird zum Ritter ernannt und heißt dann Sir Tom Moore. What’s not to love?

Dass Captain Tom zum Helden wurde, ist kein Wunder. Er erweckt britischen Nationalstolz gleich mehrfach zum Leben. Zum einen ist er Veteran. Die Kriegserinnerungskultur ist in Großbritannien stark ausgeprägt. Jedes Jahr im November wird dem Ende des Ersten Weltkrieges gedacht, mit Ansteckblumen, Schweigeminuten, Paraden und Kränzen an Denkmälern, die es in jedem noch so kleinen Dorf gibt. Auch heutigen Soldaten wird schnell ein Platz in diesem Heldenkult eingeräumt: In der Fernsehsendung „Homes for Veterans“ bekommen versehrte Soldaten ein neues Zuhause. Die internationalen Invictus Games, eine paralympische Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten, fand 2014 erstmals in London statt. Und noch dieses Jahr feierte der Kinofilm „Military Wives“ die Ehefrauen britischer Soldaten, die in ihrem Kasernenalltag einen Chor gründen. Während die Infektionszahlen und Todesfälle nach oben schnellen, klammert sich das Land mit Captain Tom an den „Great British Spirit“ vergangener Jahrhunderte. Der Veteran steht für Solidarität und die Überzeugung, niemals aufzugeben. Er erinnert an Churchills England, das den zweiten Weltkrieg gewann und als Kolonialmacht in der Weltpolitik mitmischte.

Zum anderen spielt der Spendenlauf dem britischen Stolz für den NHS in die Hände. Der durch Steuern finanzierte Gesundheitsdienst garantiert seit 1948 (also ungefähr seit Churchill) kostenlose Gesundheitsversorgung für alle Bürgerinnern und Bürger, ganz ohne Beiträge und Versicherungen. Bis heute wird der NHS regelmäßig von allen Seiten des politischen Spektrums in jedem Wahlkampf erwähnt, gelobt und instrumentalisiert (z.B. auch in der Brexit-Kampagne mit der berühmten 350-Millionen-Lüge). Leider wird er nicht entsprechend finanziert. Auch in einem Brief, der zu Beginn der Coronakrise an alle Haushalte Großbritanniens verschickt wurde, sprach Premier Johnson vom „fantastischen NHS“ und endete mit der drohend-höflichen Bitte: „I urge you, please, to stay at home, protect the NHS and save lives“.

Die Summe, die zusammenkam, ist auch damit zu erklären, dass Großbritannien ein wirklich spendenfreudiges Land ist. Auf jeder High Street gibt es mindestens fünf verschiedene Charity Shops, in denen man alte Kleidung und Bücher kaufen kann, der Erlös geht an das Rote Kreuz oder lokale Hospize. In der Bahn hängen Poster, die auffordern, per SMS drei Pfund für die Rettung der britischen Bienen zu spenden.  Und an der Uni kann man jeden Tag Kekse für irgendeinen guten Zweck kaufen, mal für Blindenhunde, mal für herzkranke Kinder. Der Aufruf von Tom Moore traf somit auf den fruchtbaren Boden einer nationalen Spendenkultur.

Und das in Zeiten einer tiefen Krise: Während Großbritannien nach dem Brexit im Januar bis zum Ende des Jahres eigentlich endlich jetzt aber wirklich aus allen EU-Regeln aussteigen wollte, muss das Land nun feststellen, dass es mit einem opportunistischen Premier, seiner konservativen Regierung und einem unterfinanzierten Gesundheitssystem denkbar schlecht gerüstet ist. Als viele europäische Staaten Mitte März ihre Grenzen schlossen und Ausgangsbeschränkungen erließen, gingen die Menschen in Großbritannien noch in Pubs und Shoppingcenter. Die Regierung verfolgte die Strategie der Herdenimmunität. Doch irgendwann kippte die Stimmung, strenge Lockdown-Regeln wurden aufgestellt und Boris Johnson erkrankte selbst schwer. In der Krise zeigte sich, was eigentlich schon vorher klar war: Dem NHS fehlt es an Geld, Ausrüstung und Personal. Das Heldentum um Captain Tom kam da gerade recht, um die Briten vielleicht für einen Moment davon abzulenken, dass eine auf Steuern basierende Gesundheitsversorgung ohne Spenden funktionieren sollte.

Mit dem Klatschen für die Pfleger verhält es sich ähnlich wie mit den Anstrengungen von Captain Tom. Irgendwie süß, aber private Mühe kann und sollte öffentliche nicht ersetzten. Vielleicht ist es in Ordnung, Menschen im Gesundheitswesen und Spendensammler als Helden zu feiern. Gerade in Krisenzeiten brauchen Menschen Geschichten, die Hoffnung machen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass der wirkliche Fehler im System liegt und von der Politik gelöst werden muss: Mit mehr Geld, mehr Personal und mehr Geld für das Personal.

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