A post-war thing

Anatole Broyards Memoir „Kafka was the Rage“ ist ein Buch über die Liebe zum Schreiben, zum Lesen und zum Leben. Es ist eine Hommage an den New Yorker Stadtteil Greenwich Village und die perfekte Realitätsflucht für einen Corona-Sommer in Bayreuth.

Von Helena Schäfer

Eigentlich geht es in diesem Memoir nur um zwei Dinge: Um Bücher und um Sex. Eine stringente Geschichte erzählt Anatole Broyard nicht. Dafür versucht er ein Lebensgefühl einzufangen, und vor allem einen Ort: Den Stadtteil Greenwich Village im New York der späten 1940er Jahren. Es ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, junge Männer wie er sind aus dem Krieg heimgekehrt und genießen das amerikanische Leben in vollen Zügen. Für Anatole Broyard bedeutet das, bei seinen Eltern aus- und bei der Künstlerin Sheri einzuziehen, mit der er öfter schläft als redet. Irgendwann trifft er andere Frauen, ein Freund von ihm wird krank, er eröffnet und schließt einen Buchladen, besucht Kurse an der New School bei Erich Fromm. In all diesen Erinnerungen ist sein jüngeres Ich intelligent, wortgewandt, rastlos und will unbedingt intellektuell sein. Ein junger Mann, der das Leben liebt und die Freiheit und der auf seiner Suche nach Glück immer wieder von Einsamkeit eingeholt wird.

Szenen und Menschen sind in seiner Erzählung zusammenhanglos aneinandergereiht. Worauf es ankommt, ist die Stimmung in diesem Stadtteil voller junger Intellektueller und Kreativer: Kafka ist hip, genauso wie Psychoanalyse, Kubismus und Jazz. Anatole Broyard und seine Zeitgenossen vergöttern Bücher, in seinen Worten: “I realize that people still read books now and some people actually love them, but in 1946 in the Village our feelings about books – I’m talking about my friends and myself – went beyond love. It was as if we didn’t know where we ended and books began. Books were our weather, our environment, our clothing. We didn’t simply read books; we became them.” 

Wie alles beschreibt er auch den Sex wortgewaltig mit mal treffenden, mal rätselhaften Metaphern: Sex ist für ihn moderne Kunst, ist fremd, ist Freiheit mehr als Vergnügen, Sex ist „a postwar thing“, ein halbherziger Selbstmord. Oder auch: „Until we became sophisticated about it, sex was everything Freud said it was“. Die meisten Frauen um ihn herum sind Mythen mit viel Haut und hohen Wangenknochen, meistens undurchschaubar, immer kompliziert. Sie ziehen sich aus und an ohne Sinn, malen oder tanzen, Hauptsache sie sind expressiv und stehen irgendwie über ihm. Eine Sichtweise, die vielleicht seiner Zeit geschuldet ist, vielleicht aber auch ihm selbst. Erst ganz am Ende erzählt er auch die andere – und man hat das Gefühl – ehrliche Sicht auf die Dinge. Erst da geht es um die Zerbrechlichkeit, die Angst und Unsicherheit, die Intimität mit sich bringt. Da zeichnet er ein anderes Bild von den Frauen seiner Zeit: “They led waiting lives – waiting for men to ask them out, for them to have an orgasm, to marry or leave them. Their silence was another form of virginity.” Er beschreibt diese Frauen und die Begegnungen mit Ihnen so anschaulich, dass man kurz den Gedanken hat, alle wilden Geschichten vorher sind am Ende nur Fantasie.

Seine Sprache ist klug, elegant und das weiß er auch. Man hat das Gefühl, manche Metaphern benutzt er nur um der Metaphern Willen, einfach weil er weiß, wie sie auf der Zunge zergehen („A blond death, a swan dive, a cool immersion“). An anderen Stellen übertreibt er es mit der vermeintlichen Intellektualität, sodass man nur rätseln kann, was er meint mit „she was metaphysically heavy“ oder man ist genervt, wenn die Psychoanalyse in der Luft schwebt wie Feuchtigkeit oder Rauch. Aber am Ende macht er diese Mängel wett mit klaren, klugen Sätzen wie: „I just want love to live up to its publicity.” Oder: „In the contest between life and literature, life wins every time”.

Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die sich aus dem digitalen Semester rausträumen möchten: Anatole Broyards New York ist alles, was Bayreuth (zurzeit und auch sonst meistens) nicht ist: Aufregend, dicht, gleichzeitig anonym und intim, voller Absurdität und Melancholie. Ein Ort, der alle Erfahrungen intensiviert und intellektualisiert. Es ist eine nostalgisch stilisierte Erzählung, natürlich, aber zu Corona-Zeiten darf man die Regel, das Leben schlage die Literatur jedes Mal, vielleicht auch mal zugunsten einer literarischen Realitätsflucht über Bord werfen.

Eine Sache bleibt zu erwähnen: Anatole Broyard, Kritiker und Herausgeber der New York Times, kam nach seinem Tod in die Kritik, dass er zeit seines Lebens seine Schwarze Herkunft leugnete und sich als Weißer ausgab, möglich aufgrund seiner hellen Hautfarbe. In der Kritik schwang von Anfang an auch Verständnis mit: “Anatole Broyard wanted to be a writer – and not just a Negro writer consigned to the back of the literary bus.” (Brent Staples in der New York Times). In Bezug auf sein Memoir lässt sich sagen, dass seine Darstellung des Intellektuellen-Daseins den Rassismus seiner Zeit nicht nur ausließ, sondern sogar romantisierte: „In […] New York City, everyone was ethnic – it was the first thing we noticed. It was as natural to us as our names. We accepted our ethnicity as a role and even parodied it.“ Tatsächlich akzeptierte Broyard die Herkunft seiner Familie nicht. Vielleicht ging er mit dieser Realitätsverweigerung zu weit, vielleicht war sie aber auch sein gutes Recht.

Anatole Broyard. A Greenwich Village Memoir. Vintage Books, Random House, New York. Deutsche Ausgabe: Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village. Berlin Verlag.

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