Womit beschäftigt sich die Graphologie und was kann ein Schriftpsychologe anhand einer Handschrift erkennen? Der Falter hat den Graphologen Dr. Helmut Ploog dazu interviewt. Dr. Ploog ist Vorsitzender des Berufsverbandes deutscher Graphologen und war lange Zeit Lehrbeauftragter für Schriftpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Als Graphologe lesen Sie zwischen den Zeilen. Viele Menschen können sich nichts Konkretes unter
der Graphologie vorstellen. Was beinhaltet diese Wissenschaft?

Die Graphologie setzt sich mit den individuellen Merkmalen und Eigenschaften von Handschriften
auseinander und führt diese auf bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zurück. Eine individuelle
Schrift hat jemand dann entwickelt, wenn er sich nicht mehr an die Schulvorlage hält und wenn sich
eine bestimmte Eigenart herausgebildet hat. Wenn jemand beispielsweise einen Kreis statt einem
Punkt über das „I“ setzt, oder bestimmte Buchstaben besonders verschnörkelt schreibt, dann wird
die Schrift individuell. Die Schrift verändert sich auch im Laufe des Lebens. Wie sich jemand
verändert hat, kann man daher auch an der Handschrift nachvollziehen. Ob er gereift ist, ob er
gestrauchelt ist oder ob jemand noch genauso viel Energie mit achtzig hat wie mit vierzig.

Was ist der Unterschied zwischen der Graphologie und der gerichtlichen Schriftanalyse?
Die gerichtlichen Schriftexperten setzen sich mit der Echtheit von Testamenten auseinander. In den
Landeskriminalämtern gibt es dafür entsprechende Abteilungen.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich habe mir selbst vor vielen Jahrzehnten ein Gutachten machen lassen. Dazu habe ich eine
Handschriftprobe an einen Mann geschickt, der eine Anzeige in die Zeitung gestellt und seine
Leistung für fünf Mark angeboten hatte. Das Ergebnis der Analyse hat mich so beeindruckt, dass ich
schließlich begonnen habe, mich selbst damit zu befassen. Es ist schon erstaunlich, dass man aus so
wenig, so viel ableiten kann.

Der Gründervater der modernen Graphologie ist der Schriftsteller und Geistliche Jean Hyppolite
Michon. Er analysierte die Schriften von hundert Menschen, die sich darin ähnelten, dass sie als
sparsam galten. Dabei versuchte er Ähnlichkeiten in den Schriften zu erkennen. Was hat sich
seither bei den Analysekriterien verändert?

Michon hat hauptsächlich Einzelmerkmale untersucht. Also beispielsweise den „T-Strich“ oder die
„G-Schleife“. Heute wird die Schrift in der Graphologie ganzheitlicher analysiert. Der Gesamteindruck
zählt, ob mehr die Form dominiert oder die Bewegung, ob die Schrift echt wirkt, oder gekünstelt und
aufgesetzt. Außerdem sind auch psychologische Ansätze hinzugekommen. Wie etwa die Typologie
von Carl Gustav Jung, die Theorie von Maslow oder auch Freuds Modell zum Es, Ich und Über-Ich. Es
lässt sich also auch aus der Schrift erkennen, ob jemand im Auftreten vom Über-Ich gesteuert wird
oder ob er vom Es und von seinen Trieben gelenkt wird.

Worin bestehen die Schwierigkeiten eines schriftpsychologischen Gutachtens?
Es können Fehldiagnosen vorkommen, wenn das Schriftmaterial nicht geeignet ist. Wenn jemand
nicht sehr geübt ist im Schreiben und die Schrift nicht sein übliches Ausdrucksmittel ist oder sich
jemand verstellt.

Gibt es auch extreme Widersprüche im Auftreten einer Person und ihrer Handschrift?
Diese Widersprüche kommen durchaus vor. Als Graphologe kann man in gewisser Hinsicht auch
etwas in die Zukunft schauen, weil man bestimmte Konstanten des Charakters erkennt. In einem
Bewerbungsgespräch kann sich jemand anders darstellen, als er eigentlich ist und erst nach einer
gewissen Zeit kommt sein wahres Wesen hindurch.

Haben sie Beispiele für eine Schriftanalyse einer berühmten Persönlichkeit, beispielsweise
Politiker?
Bei Trump fällt die Lügenhaftigkeit sofort auf. Die Unterschrift lässt sich bei ihm kaum
nachvollziehen, weil die Buchstaben so ineinander gehen. Wer eine sehr klare Handschrift hat, ist
Emmanuel Macron. Er schreibt in einem sehr hohen Niveau, aber eine gewisse Ungeduld lässt sich
auch von seiner Schrift ableiten.

Was sind Ihre häufigsten Aufträge als Graphologe?
Der Hauptbereich sind eigentlich Bewerbungen und Berufsgutachten für Personen, die in einem
Unternehmen eingestellt werden sollen. Es gibt aber auch Menschen, die hinsichtlich ihrer
Partnerschaft bereits Bedenken haben und ihre Vermutungen durch eine Schriftanalyse bestätigt
haben wollen.

Es gab und gibt auch Kulturen ohne Schriftsystem. Inwiefern prägt die Schrift eine Kultur?
Die Schrift prägt insofern eine Kultur, weil sie sich je nach Zivilisation anders ausprägt. Chinesen
haben Schriftzeichen, wir haben die lateinische Schreibweise und die Ägypter hatten Zeichenschrift.
Frühe Kulturen waren teilweise nicht darauf angewiesen, etwas schriftlich festzuhalten. Die Sumerer
beispielsweise, ein Volk, das im südlichen Mesopotamien lebte, schloss Verträge und Handel per
Handschlag ab.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von der Handschrift hin zu digitaler Dokumentation und
Kommunikation?

Ohne die digitale Kommunikation geht heute nichts mehr. Unabhängig davon ist es wichtig, dass
jeder eine individuelle Handschrift entwickelt, weil die Handschrift sehr viele Vorteile hat. Wie etwa
beim Lernen. Es ist nachgewiesen, dass wenn man etwas mit der Hand schreibt und anschließend
durchliest, prägt sich dies wesentlich besser ein, als wenn man es nur digital aufnimmt und auf dem
Laptop abtippt.

In Finnland wurde die Schreibschrift im Jahr 2016 an Grundschulen abgeschafft. In Deutschland
gibt es seither immer wieder Debatten zum Nutzen und der Bedeutung der Schreibschrift. Ist die
Abschaffung der Schreibschrift an Grundschulen ein kultureller Verlust und ein Rückschritt oder die
logische Konsequenz der Digitalisierung?

Ja, die Finnen sind immer Vorreiter, dafür sind sie bekannt (lacht). Ich denke jedoch, dass es ein
kultureller Rückschritt wäre, wenn man die Handschrift abschaffen würde. Jeder schreibt gerne einen
Liebesbrief oder der Oma eine Karte zum Geburtstag und diese freut sich, weil sie an der Handschrift
schon erkennt, wer ihr geschrieben hat. Was den Ersatz der Handschrift durch die digitale
Kommunikation betrifft, ist es eigentlich ähnlich wie mit der Musik. Musik gibt es bereits auf allen
Medien und es braucht eigentlich keine Musiker mehr, die Instrumente spielen. Die Handschrift hat
meiner Meinung nach immer eine Existenzberechtigung und wenn sie verloren geht, dann ist das der
Verlust einer Kulturtechnik.

Trotz der Tatsache, dass die Graphologie als Schriftpsychologie eine Teildisziplin der Psychologie
ist, wird sie an Universitäten nicht gelehrt, warum?

Die Psychologie ist sehr stark beeinflusst von der Forschungsrichtung der USA und es wird vor allem
versucht, den Menschen in Zahlen zu erfassen. Die Graphologie jedoch ist eher
geisteswissenschaftlich geprägt. Aber grundsätzlich könnten Psychotherapeuten das Wissen der
Graphologie sehr gut auch in ihrer Therapie anwenden, denn auch die Schrift kann sich während der
Therapie verändern und es kann somit eine bestimmte Entwicklung festgestellt werden.

Das Interview ist auch auf
schalltwerk.org/ auch zu hören.

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