Bye Bye Bookstagram

Warum das Instagram-Mekka nach vier Jahren als Buchbloggerin sinnlos erscheint

Gastbeitrag von Meike Schneiders

Läppische fünf Prozent des Umsatzes machten sie 2019 aus – die E-Books am deutschen Publikationsmarkt. Eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr gibt es nicht und auch sonst läuft ihre Entwicklung schleppend. Während Digitalisierung sonst in fast allen Lebensbereichen unseren Alltag bestimmt und neu formt, scheint der Buchmarkt in einen Tarnumhang gehüllt zu sein. Unter ihm floriert noch immer eine Welt, bestimmt von Druckerschwärze, Buchbinderleim und dem Geruch nach alten, aber auch neuen Seiten. Doch während dort die Zeit fast stillzustehen scheint, tickt die Uhr außerhalb immer weiter, scheint fast schneller zu werden.

Doch warum bin ich eigentlich hier? Was steht eigentlich auf meiner Visitenkarte? Ich bin Bookstagrammerin. Ja, ich fotografiere Bücher und teile sie auf meinem Instagram-Kanal mit meiner damals gar nicht mal so mickrigen Community. In Storys erzähle ich von meinem Frühstück, meinem aktuellen Buch, aber auch von meinen Lieblingsliedern. Einfach alles, was meinen Alltag bestimmt.

Es ist Mitte Oktober 2019, ein Donnerstag, am späten Vormittag. Die erste Flasche Sekt ist geöffnet. Die Cupcakes stehen auf dem Tisch. Die Goodie-Bags sind bereit. Es ist wieder soweit: Die Frankfurter Buchmesse ruft und die Verlagswelt ist in Aufruhr. Eigentlich ist am Donnerstag reiner Fachbesucher-Tag, doch seit ein paar Jahren werden die Gesichter von namhaften Journalisten aus aller Welt immer mehr übermannt. Sie werden verdrängt von Jungs und Mädchen, vor allem Mädchen, bei denen man sich noch nicht einmal sicher ist, ob sie das 21. Lebensjahr vollendet haben. Sie haben das Smartphone im Anschlag, jeder Zeit bereit für eine neue Instagram-Story oder einen kurzen Tweet vom Messegelände. Ich bin unter ihnen. Es ist mein viertes Messe-Jahr und ich fühle mich wie ein alter Hase. Mein Kalender ist voller denn je: Bloggerfrühstück, Programmvorschau, Mittagessen mit dem Partnerverlag. Danach ein Interview mit einer bekannten amerikanischen Jugendbuchautorin und dann geht es weiter zur Messe-Party. Zwischendurch nicht vergessen, überschwängliche Umarmungen auszutauschen, Visitenkarten zuzustecken und das Glas Sekt im Vorbeigehen hinunter zu stürzen. Und das alles natürlich am besten als Video festzuhalten.

Während die Digitalisierung einen großen Bogen um die klassische Buch-Welt zu machen scheint, schlägt sie hier voll zu. Selbst eine Branche, die so von Nostalgie bestimmt ist, ist nicht sicher vor ihnen: den Influencern. Was als Spaß begonnen hat, wurde in nur wenigen Jahren ernst. Die anfangs unüberlegten Bilder sind immer mehr geplant, brauchen teilweise mehrere Stunden Arbeit. Ein einfaches, vom Verlag zugeschicktes Rezensionsexemplar wird zur Seltenheit. Stattdessen erreichen einen die größten Pakete, mit passendem Handtuch, Tasse und Schokolade, die natürlich vor laufender Kamera ausgepackt werden. Doch selbst das ist häufig nicht genug. Immer mehr Verlage laden zu großen „Release-Weekends“, mit Book-Launch, Dinnerparty und Übernachtung, finanzieren Blogger-WGs für die perfekte Messebegleitung.

Wie ein Wirbelsturm ist die verrückte Welt von Social Media über die vielleicht etwas angestaubte Literaturszene gefegt. Doch wird sie dem wirklich gerecht? Passen exklusive Einladungen, Freiexemplare und Inszenierung zu Worten, die einen ganz persönlich berühren, verändern und in fremde Welten entführen sollen?

Für mich hat es nach vier Jahren nicht mehr gepasst. Der Austausch über Bücher ist immer mehr in den Hintergrund gerückt, stattdessen wurden wir alle Meister der Bildbearbeitung und der Selbstdarstellung. Ich habe einige gute Freunde über Hashtags und Likes kennengelernt. Doch ungefähr zur gleichen Zeit stellten wir fest, dass wir das alle nicht mehr länger so können. Gelesen haben wir kaum noch, wir waren viel zu beschäftigt, Herzen zu zählen und den 50. Kommentar zu schreiben. Die Bücher, die wir teilten, haben wir länger bei Photoshop gesehen, als dass wir sie gelesen haben. Allgemein haben wir immer dieselben Bücher gesehen. Keiner hat sich mehr getraut zu lesen, was ihn interessiert. Zu hoch war das Risiko, Follower zu verlieren. Jede Geschichte glich der vorherigen, versteckt hinter einem neuen, noch auffälligeren, noch mehr für Instagram geeigneten Cover.

Social Media wird der Freude des Lesens nicht gerecht. Zu sehr verlockt die anonyme Bestätigung und vertreibt die Individualität. Beim Lesen ist kein Platz für Inszenierung. Man liest, um zu lernen, Neues zu erfahren und das sollte man immer in erster Linie für sich tun. Diese Erfahrung mit anderen zu teilen ist eine der größten Freuden, doch ich konnte dafür nie einen Platz bei Instagram finden. Heute schaue ich nur noch selten vorbei, vor allem wegen der Leute, nicht wegen der Bücher. Die Freude am Lesen habe ich aber nicht verloren. Heute sitzen wir, die erste Generation von Bookstagram, lieber mit einer Tasse Tee, eingemummelt in kuschlige Decken zusammen und tauschen uns über die besten Schmöker der letzten Zeit aus. Follow for follow und Rezensionsexemplaren haben wir den Rücken gekehrt. Vielleicht hätten wir von Anfang an einfach nur auf die Bücher hören sollen, denn es scheint, als bräuchten sie die Digitalisierung einfach nicht.