Momentaufnahmen

Es ist kurz vor knapp. Der Tag ist rum, aber nur fast. Der Himmel hat die falschen Farben und ich schlechte Laune. Seit guten zehn Minuten ist es auch noch kalt und alle Blumen um mich herum haben angefangen sich vor mir zu verschließen. Das macht man jetzt wohl so, das sich vor mir verschließen. In guten zehn Minuten kann ich eh nichts mehr sehen, dich auch nicht, dann ist das sowieso egal. Mir wird immer kälter, es wird immer düsterer, der Mond löst die Sonne ab. Der Himmel fängt an wieder die richtigen Farben zu haben. Ganz dunkelblau ist er jetzt, so blau wär ich jetzt auch gern, denke ich bei mir und sage dir gute Nacht. Dabei haben wir noch den ganzen Heimweg vor uns.

Zurück Zuhause. Ich war dieselbe, Zuhause war dasselbe. Alles gleich und trotzdem war ich inkompatibel mit dieser Welt, die meine war. Ich schlurfte durch den langen grauen Gang zu unserer Wohnungstür, steckte den Schlüssel ins Schloss, überzeugt davon, dass er nicht passen konnte. Er passte. Ich atmete ein, aus, drückte die Tür auf und war wieder da, wo ich vor drei Wochen war. Und beinahe jeden Tag vorher. Der Gang roch nach meiner Mutter und jetzt auch nach mir, denn ich war die, die ihr Parfum getragen hatte die letzten Wochen. Sie musste sich ein neues gekauft haben. Der Gedanke, dass sie mich genau wie ihr Parfum ersetzt hatte huschte an mir vorbei. „Hallo!“, ein Krächzen meinerseits. „Hallo, ich bin wieder da.“, meine Tasche schmiss ich in mein Zimmer, wäre ich ein Schulmädchen gewesen, ich hätte mich ähnlich verhalten. Hallo, ich bin wieder da. Ranzen in den Raum gepfeffert, der meiner ist, für den ich keine Miete zahle. Nur ein selbstverständliches Verständnis für Eigentum macht den Raum zu meinem. Es ist dreizehn Uhr. Es müsste niemand zuhause sein, aber es könnte. Meine Mutter fand ich in ihrem Bett. Sie schlief, aber Wimperntusche und Lipgloss verrieten, dass sie eingenickt war und ohne Einverständnis ihrer Selbst ruhte. Ich legte mich neben sie. Meinen Kopf presste ich in die Kuhle, die ihr Rippenbogen mit den Brüsten bildete. Behütet fühlt man sich in solchen Körperkuhlen. Versorgt.

Es war kalt draußen, so kalt, dass man Fridas Atem sehen konnte, den sie durch die gepuderte Nase in die Luft stieß. Frida, die langen Hände in den Muff aus Kängurupelz gewickelt, den ihr ihr Mann den vorigen Herbst aus Australien mitgebracht hatte, wartete wie jeden Mittwoch auf den Bus, der sie zu genau diesem Mann bringen würde, wenn auch nur für zwanzig Minuten. Fridas Mann war ein schwer beschäftigter Mann. Er war von früh bis spät auf den Beinen. Er stand vor Frida auf und ging nach ihr zu Bett und manchmal war sie sich nicht sicher, ob er überhaupt nach Hause kam. Wenn Fridas Mann nicht ab und zu seine großen, meist sehr kalten, Hände zwischen ihre Pyjamahose und ihre Pyjamabluse gleiten ließ, dann hätte Frida wahrscheinlich geglaubt, er würde sich nicht mehr gern neben sie legen. Dabei war Frida die schönste Frau von all den Frauen, die die Männer, die dort arbeiteten, wo auch Fridas Mann arbeitete, hatten. Frida hatte volle, dunkle Haare und samtige Haut, gesprenkelt mit kleinen Muttermalen, die nur an den richtigen Stellen waren. Frida war groß, nicht riesig, aber doch den Durschnitt um stolze drei Zentimeter überragend. Und Frida hatte die tollsten Augen, denen man im Leben begegnet, wenn man in dem Leben auch Frida begegnet ist. Von langen Wimpern umkränzt leuchten Fridas Augen unter mühsam gezähmten Brauen hervor. Wenn Frida liest, und dann ihren Blick vom Buch weghebt, um irgendetwas im Raum mit ihrem Blick zu finden und versehentlich dabei andere Augen findet, dann kann es einen schon mal erschlagen. Die ganze Schönheit, die da aus Fridas Augen fließt, erschlägt einen dann, bis Frida sich wieder ihrem Buch widmet.
Neben Frida stand wie jeden Mittwoch die kleine Frau mit dem noch kleineren schwarzen Dackel und das junge Mädchen mit dem fettigen Haar, das streng zu Zöpfen gekämmt war. Ein lustig anzuschauendes Trio, man könnte es mit Blumen vergleichen: eine Knospe, eine in voller Blüte und eine schon längst verwelkt. Heute entschloss sich die Knospe, die die Blüte schon seit drei Wochen jeden Mittwoch neugierig beäugte, Frida anzusprechen. Sie nahm einen beherzten Schritt von dreißig Zentimetern in Richtung Blüte und tippelte die restliche Distanz in den kleinen Schritten, die wohl nur kleine Mädchen beherrschen. Kurz vor Frida, etwa in der Entfernung des ersten Schrittes, fuhr sie ihren kurzen Arm auf Maximallänge aus und tippte an Fridas Pelz. Frida, das tippelnde Ding schon seit Schritt eins beobachtend, senkte ihren Blick und erschlug das kleine Mädchen. Taumelnd fand sie wieder zurück. Sehr darauf bedacht, nicht noch einmal mit Fridas Augen zu kollidieren, tippte sie noch einmal auf den Muff. „Ist das echt?“ Frida nickte. „Was ist das?“ „Känguru.“ Die Verwelkte Blume lachte unerwartet. Eigentlich hatten die Blüte und die Knospe sich in Zweisamkeit gedacht.

Wir saßen schon eine ganze Weile so beisammen. Sie redete, ich schwieg. Sie zündete sich eine Zigarette an. Atmete grau aus. Irgendwie erschlug mich der Kippenrauch. Das schmeckte wie bei Oma, weil bei Oma immer geraucht wurde. „Geräuchert hält länger.“ Murmelte Oma immer und wenn ich mir die dünnen Lippen, die vor sich hin schrumpelten, genauer anschaute, fragte ich mich auch immer wie ich ohne Narben von ihren Küssen auf meiner Babyhaut davonkommen konnte. Und diese alte Schachtel, die sich ihr Lebensfeuer immer wieder mit diesem Nikotinrausch minimierte, überlebte ohne weiteres das halbe Dorf. Nikotin – von einer in die andere Schachtel transportiert, eine dampfende Eisenbahn nach Dauerfahrplan. „Geräuchert hält länger.“, murmelte sie und ich erwachte aus meinem Tagtraum von Oma.

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