Neu in Bayreuth?

Willkommen in Bayreuth. Hier wolltet ihr nie hin? Jetzt seid ihr nun mal da. Ein Plädoyer für und gegen das Studierendenleben in der Provinz

Von Felix Beißel und Helena Schäfer

Willkommen in der Hölle.

Erstaunlich, dass ihr uns überhaupt gefunden habt – Oberfranken liegt im Nirgendwo, und das bekanntlich hinter Bielefeld, rechts von Chemnitz. Um es direkt vorwegzunehmen: Mit den Festspielen werdet ihr hier nichts zu tun haben, außer wenn ihr den Provinznasen von zu Hause mal wieder erklären müsst, was Bayreuth überhaupt ist.  

Dass hier Kurioses vor sich geht, merkt schon der findige Geografie-Abiturient: Wie kann der einzige „Fluss“ im regenreichsten Ort Deutschlands letztlich doch nur ein winziges Bächlein sein? Ein kleines Wunder, ein seltenes. Der Rote Main wird von Bayreuth ausgeschlürft, blutleer, wie die Studierenden nach dem ersten Semester. Aber macht euch nichts draus, wenn die Sintflut kommt – und hier kommt sie zuerst –  ist im Kanal Platz für alle.  

Doch um eins wird man euch beneiden: Sprachdiversität. Fränkisch ist ein Gemisch aus genau all dem, was sich nur schwer in Buchstaben ausdrücken lässt, der natürlichste Sprachkurs, ohne Einstufungstests, ohne Anmeldesoftware aus den 50ern, ohne Warteliste. Entfernt einfach K, P und T von der Tastatur, schüttet ein Weißbier drüber – and you’re good to go. Richard Wagner, der Kollegah des 19. Jahrhunderts, fand in seiner Bayreuther Bossvilla seinen – nicht – ewigen Frieden. War ihm dann doch zu trostlos hier, der Leipziger starb in Venedig. Doch auch mit zeitgenössischen Prominenzen geizt die Metropole nicht: Karl-Theoder zu Guttenberg, Alice Weidel – Alumni der besten Uni der Welt (in Deutschland, unter 50 Jahren, mit Campus).  

Als Lokführer käme man immerhin regelmäßig raus aus Bayreuth. Erreicht man Nürnberg (bei Fürth), könnte man sogar Tageslicht erblicken. Schnell würde man verstehen, was Platon mit dem Höhlengleichnis meinte. Wer sich aber im Dunklen wohlfühlt, sollte auch direkt das Kanapee frequentieren und wenn man schon einmal in der Maxstraße ist, gewarnt sein: Die Todesrinne kann zwar verunglückte E-Bike-Kuriere ins Krankenhaus befördern, euch aber leider nicht mehr zurück in die normale Welt teleportieren, selbst wenn sie blau leuchtet. Spaß beiseite: Bayreuth ist, sagen wir mal so, ein Ort. Hier gibt es Straßen, hier gibt es Häuser. Ihr wisst, worauf ihr euch eingelassen habt: Alle edlen Menschen gehen durch die Hölle, die anderen stehen davor und wärmen sich die Hände.  

Willkommen im Paradies.

Ihr hattet es schon im Gefühl und wir können bestätigen: Bayreuth hat mehr zu bieten als Festspiele, Wagner und Bratwurststände. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, denn jetzt wo ihr hier seid, können wir es euch verraten: Es geht überhaupt nicht um die Stadt, es ging nie um die Stadt, sie ist bedeutungslos und wenn ihr eines Tages von hier weggeht, werdet ihr sie vergessen. Es gibt Kopfsteinpflaster wie überall in der Provinz, viele Eisdielen und noch mehr Spielhallen. Zu wenig Radwege, einen Park, in dem man nicht grillen darf, zu wenig Wasser und zu viele Autos pro Einwohner, viele schöne Häuser und ein hässliches, das alle anderen überragt. Man könnte auch sagen: Bayreuth ist langweilig. Aber keine Sorge, ihr Paradiessuchenden, jetzt kommt der Twist: Weil die Stadt nichts von sich aus zu bieten hat, wird Bayreuth zu einer Projektionsfläche. Die Stadt ist nur das und all das, was ihr daraus macht.

Besser als irgendwo sonst könnt ihr hier zum Beispiel den Mittwoch zum Sonntag machen und niemand merkt etwas. Das geht so: Alle in der WG wachen spät auf und beschließen: Heute ist Sonntag. Einer geht dann Brötchen holen, andere decken den Tisch und zünden ein paar Kerzen an. Die Balkontür wird aufgemacht. Musik läuft aus der Box. Ein paar Freunde kommen vorbei. Dann sitzt man zusammen, das Crêpe-Eisen dampft und die Stunden verstreichen. Später trifft man andere Freunde im Freibad, dann gehen alle zusammen zu einem Fußballspiel der Wilden Liga, trinken Radler in der Abendsonne. In vor- und nachpandemischen Zeiten gibt es am Abend eine WG-Party, die den regelmäßigen Ermahnungen der Polizei an der Tür trotzt. Da tanzt ihr bis in die Morgenstunden unter dem Ufo aus Pappmaschee und habt am Ende hier in dieser gottverlassenen, elenden Provinzstadt das Studierendenleben, von dem die Menschen in Berlin und München träumen, die 40 Minuten mit der S-Bahn zur Bar fahren müssen, nur um da festzustellen, dass ihre Freunde schon weitergezogen sind. Gerade weil Bayreuth so nichtssagend ist, steht hier niemals die neue Bar oder das neue Café an der Ecke im Vordergrund, sondern immer die Menschen, mit denen ihr der Stadt Leben einhaucht und sie zu eurem Zuhause macht.

Anmerkung: Der erste Teil dieses Artikels erschien schon einmal in leicht veränderter Form in der Ersti-Ausgabe im Wintersemester 2018/19.

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