Stille Nacht?

Kirchenmusik – Normalerweise ist das christliche Gemeindeleben in der Vorweihnachtszeit alles andere als still. Normalerweise ist der Alltag aber auch nicht geprägt von Masken und Desinfektionsmittel. Der musikalische Advent mal ganz anders.

von Antje Behm

Glücklicherweise kann ich sagen, von der Pandemie bisher nur mäßig beeinflusst worden zu sein. Ich, 20, gläubige Protestantin und Musikliebhaberin, studiere jetzt online und halte mich an die Kontaktbeschränkungen – aber an all diese Maßnahmen habe ich mich eigentlich schnell gewöhnt. Jetzt, wo es auf Weihnachten zugeht, bin ich zum ersten Mal so richtig irritiert von der aktuellen Situation. Alles ist anders als sonst. Darüber habe ich mich mit den Leuten unterhalten, die meinen Alltag prägen.

„Die aktuelle Zeit erlebe ich gerade so, dass ich die gemeinsamen Momente mit Freunden und Familie viel mehr genieße – egal ob sie analog oder digital stattfinden! Gottesdienste sind kürzer geworden und die Orgel kommt viel mehr zum Vorschein. Im März und April fanden viele Andachten digital statt. Jetzt sind wir wieder vor Ort, aber trotzdem ist alles anders als vorher. Es fehlt vor allem die Gemeinschaft bei den Kantoreiproben. Durch die Abstandsregeln singen wir alle für uns alleine und es macht weniger Spaß als sonst. Die Auftritte fehlen besonders. Ich freue mich darauf, wieder bei Konzerten dabei sein zu können – entweder als Sängerin oder als Besucherin.“

Franzi, 27, Mitglied der Stadtkirchengemeinde und der Kantorei

Das Lied „Stille Nacht“ wird zwar traditionell am Heiligen Abend gesungen, aber still ist der kaum noch. Die Adventszeit ist in normalen Jahren ein wilder Mix aus Besinnlichkeit und Hektik und dabei wie kaum eine andere Zeit musikalisch geprägt. Franzi und ich singen zusammen in der Stadtkantorei seit ich nach Bayreuth gezogen bin. Das Osterkonzert, geplant war die Matthäus-Passion von Bach, sowie das Weihnachtskonzert, geplant war das Weihnachtsoratorium, auch von Bach, wurden abgesagt. Da noch immer darüber gerätselt wird, wie ansteckend Singen tatsächlich ist, werden die Proben aktuell durch die „Mittwochsmail“ ersetzt, die meistens digitale Angebote ankündigt. YouTube-Einsingen, Andacht mit Abstand, Zeitungsartikel – was absurd klingt ist irgendwie ein schönes Ritual geworden. Auch sonst ist die Stadtkirchengemeinde flexibel, das hat sie inzwischen bewiesen. Das Gemeindeleben geht weiter, nur eben Corona konform. Für jeden Gottesdienst gibt es ein Hygieneteam, das desinfiziert, Plätze anweist und Liedblätter austeilt. Erst vor kurzem wurde zum Totensonntag ein Fernsehgottesdienst aufgezeichnet. Sogar einen digitalen Adventskalender wird es geben. 

Auch wenn die allgemeine Situation derzeit schwierig ist, freut es mich, dass hier an der Hochschule viele Dinge möglich gemacht werden: Die meisten Fächer, darunter vor allem die Praktischen, wie der Instrumentalunterricht, können noch immer präsent stattfinden. Außerdem gibt es, wenn auch in kleinen Besetzungen, Chorproben. Somit wird das gemeinschaftliche Musizieren weiterhin praktiziert, was gerade in dieser Zeit viel Hoffnung gibt.

Johanna, 18, 1. Semester Kirchenmusik

Eine andere evangelische Institution der Stadt, die Hochschule für evangelische Kirchenmusik, beweist aktuell ebenfalls Flexibilität. Johanna habe ich Mitte Oktober bei der Ersti-Führung durch die Hochschule kennengelernt. Ich hatte mich im Sommer für einen Gaststudienplatz im Bereich Klassischen Gesang beworben und diesen zum Wintersemester angetreten. Wie dankbar ich für die praktische Ergänzung meines Musiktheaterwissenschafts-Bachelors der Uni in den Wintermonaten sein würde, ahnte ich da noch nicht. Umso schöner, dass die Hochschule es tatsächlich geschafft hat, auch den Erstsemestern einen guten Start zu ermöglichen. Das Hygienekonzept ist ausgereift und wird konsequent durchgesetzt. Instrumental- und Gesangsunterricht findet in den großen Sälen statt, Plexiglasscheiben und Stoßlüften sind dauerpräsent. Für die Klavier-Übezellen gibt es einen detaillierten Plan, in den man sich einträgt. Desinfektionsmittel und -anleitung für die Klaviaturen stehen bereit, bis zum nächsten Studierenden ist eine Viertelstunde Zeit zum Lüften. Das Schönste an den Übezellen ist in der aktuellen Situation ihre Hellhörigkeit. Sicher durch Wände getrennt hört man, was die anderen so üben. Das ist ja auch zusammen Musikmachen. Also irgendwie. 

„Musikalisch gesehen kann man aktuell zwar keine Konzerte geben, aber man kann sich kreativ austoben und den Menschen musikalisch die Frohe Botschaft übergeben. In der Hochschule versuchen wir, aus den Beschränkungen das Beste zu machen. Welche Musik mich aktuell besonders beeinflusst, kann ich kaum sagen, ich beschäftige mich von Barock bis Romantik mit allem. Trotzdem steht Bach meistens im Vordergrund. Beim Musik hören und machen erfreue ich mich daran und versuche, Positiv zu denken, es aber nicht zu werden. Dabei kann einem jede Musikrichtung helfen.“

Ronny, 22, 3. Semester Kirchenmusik

Der Konzertchor der Hochschule darf aktuell natürlich nicht proben. Aber den Studiochor gibt es noch. Der Chor ist in vier Ensembles aufgeteilt, die jeweils versetzt und voneinander getrennt alle zwei Wochen proben. Dazu sind dann drei Leiter der höheren Semester eingeteilt, die unter Aufsicht zu Übungszwecken ein Stück mit dem Chor einstudieren und das dann mit dem leitenden Dozenten nachbesprechen. 1,5 Stunden Probe, Lüftungspausen von zehn Minuten, zehn Minuten Einsingen, also hat jeder Leiter 20 Minuten Probezeit. Klingt kompliziert, funktioniert aber überraschend gut und sorgt für ein bisschen Normalität. Ronny ist einer der besagten höheren Semester und außerdem der Geheimtipp unter Sängern, wenn man eine gute Klavierbegleitung braucht. 

„Die Trennwände aus Plexiglas sind meine neuen besten Freunde: ob im Gesangsunterricht, im Gottesdienst oder beim Gruppenunterricht – mit ein bisschen Kreativität können wir wieder singen! Ohne die vielen Proben und Auftritte habe ich plötzlich viel mehr Zeit Musik zu hören. Und zwar nicht nur nebenbei auf dem Weg in die Stadt, sondern mit all meiner Aufmerksamkeit. Ich entdecke meine Lieblingsstücke nochmal vollkommen neu!“

Paula, 22, Musiktheaterwissenschaft B.A., Gaststudium Gesang

Paula und ich haben uns vor zwei Jahren an der Universität kennengelernt, wir studieren zusammen Musiktheaterwissenschaft, genauso wie Zoe. Inzwischen sind wir alle an der Hochschule gelandet und studieren parallel Gesang. Die ungewohnte Situation hat uns auf die Idee gebracht Terzett zu singen. Da wir alle vom Musiktheater kommen lagen die drei Damen aus der Zauberflöte nahe. Ronny begleitet uns und erträgt uns tapfer, wenn wir mal wieder aufdrehen. Der Corona-Wahnsinn macht eben auch vor uns nicht Halt. 

Für uns alle drei ist das Gaststudium ein Segen. Die Theater sind geschlossen, große Opern mit Chören wird es erstmal nicht geben, die Festspiele wurden im Sommer abgesagt. Die Kirchenmusik eröffnet uns andere Möglichkeiten in dieser Zeit.

Die Adventszeit wird dieses Jahr ohne das immer wieder überwältigende Weihnachtsoratorium auskommen müssen. Es wird ungewohnt, aber es werden sich andere Wege finden musikalisch zu feiern. Vielleicht eine „Jauchzet, Frohlocket“-Session in der häuslichen Quarantäne. Vielleicht aber auch ein kleines Ensemble, dass im Gottesdienst einen Choral singt oder der Bläserkreis, der das Aufhängen des Weihnachtssterns musikalisch untermalt. Oft wird diskutiert, dass die Kirchen aussterben und das Gemeindeleben überaltert. Wenn ich mir die aktuelle Situation der Kirchenmusik so anschaue, mache ich mir da keine Sorgen. Am 1. Advent war ich im Gottesdienst in der Stadtkirche. Die Kirche war so voll, dass der Einlass nach dem Glockenläuten noch nicht abgeschlossen war. Das zeigt eigentlich nur: die Gemeinde fühlt sich sicher, das Konzept funktioniert. Es wird dieses Jahr vielleicht eine etwas besinnlichere Nacht als sonst, aber keine stille. 

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