Gegenwartsbewältigung

Bildquelle: Minutenmusik.de. Die Rechte für das Cover liegen bei Irsinn Tonträger.

Das Album „12“, das die Band AnnenMayKantereit am 17. November überraschend veröffentlicht hat, dreht sich um die Ereignisse, die uns dieses Jahr alle begleitet haben. Ein Gesamtkunstwerk.

von Lena Fiala

„Alles was wir haben, kommt irgendwo aus der Vergangenheit. Um das zu kriegen, was wir alles haben, braucht es so viel Zeit.“ – Damit beginnt das neue Album von AnnenMayKantereit. Diese Sätze wiegen schwer. Warum braucht es Zeit, um das zu kriegen, was wir haben? Haben wir es gar nicht wirklich? Sind wir uns dessen nicht bewusst? Verdienen wir es überhaupt?

„Dass viele Menschen miteinander singen, war nie ´ne Selbstverständlichkeit.“ Daher weht also der Wind – das Coronavirus. Mitte März, nachdem fast all ihre bevorstehenden Konzerte abgesagt werden mussten, haben Christopher, Henning und Severin angefangen, Lieder zu schreiben. Daraus ist am Ende ein ganzes Album geworden.

In einer Pressemitteilung schreibt die Band selbst: „Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer schon drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss. Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird.“

Na dann, fangen wir mal an. „So wie es war, so wird es nie wieder sein“ heißt es gleich im zweiten Song auf dem Album. Auch sonst wird mit dem Phänomen der Zeit gespielt: Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, zu jeder dieser Phasen gibt es ein eigenes Lied. In letzterem beschäftigt sich die Band, die sich 2011 gegründet hat, mit ihrer eigenen Vergangenheit: „Nicht mehr lang und dann sind es zehn Jahre verdammt. Wir sind so schnell unserem Traum nachgerannt.“

Ursprünglich hatten die drei Musiker aus Köln, die sich noch aus der Schulzeit kennen, Straßenmusik zusammen gemacht. Dann wurden sie plötzlich bekannt. Es gab keinen Raum, um die Ereignisse zu fassen, geschweige denn, über sie nachzudenken. Jetzt ist es an der Zeit, zu reflektieren. „Kann ich den Preis, den man zahlt, auch mit Karte…? Dann bitte die Schmerzen der letzten zehn Jahre.“ Darin steckt viel von der Ambivalenz, die der Erfolg mit sich bringt, worüber Henning auch in diversen Interviews nicht schweigt. Das Fazit: „Der Traum ist immer nur geliehen.“ – Alles ist vergänglich.

Aber nicht nur die Vergangenheit muss aufgearbeitet werden. Noch prägnanter ist die „Gegenwartsbewältigung“ – eigentlich ist das ganze Album eine solche. „Ich glaub Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen.“ Es geht um das, was wir alle spüren: die Einsamkeit, die Enge, die Ungewissheit in Zeiten von Corona.

Im Verlauf des Albums hellt sich die Stimmung auf: In „Warte auf mich [Padaschdi]“ und „Paloma“ kommen russische bzw. spanische Elemente zum Einsatz. „Ganz egal“ und „Aufgeregt“ sind dann mit optimistischeren Klängen und schnellem Tempo der Höhepunkt der neuen Platte – sie zeichnen ein lebendiges Bild davon, was nach Corona kommt. Die Menschen dürfen sich endlich wieder treffen. Und sie freuen sich darüber mehr als je zuvor.

Auf ihrem YouTube-Kanal haben die drei Bandmitglieder ein Video veröffentlicht, in dem sie sich das neue Album selbst zum ersten Mal komplett anhören. Dazu werden verschiedene Videosequenzen eingeblendet. In „So laut, so leer“ ist eine Jam-Session im Hinterhof einer Industriehalle zu sehen. Auch wenn das zur Selbstpräsentation der Band gehört, kann man behaupten, sie ist sich treu geblieben.

In „Das Gefühl“ experimentiert Henning mit Sprechgesang: „Hast du die Menge vermisst? Fragst du dich warum? Weißt du noch wies ist, wenn tausend Stimmen singen und die Funken überspringen?“ So geht es wohl vielen Künstler*innen im Moment. Gegen Ende hin wird es dann politisch: „Die letzte Ballade“ ist ein Song über die Probleme unserer Zeit, ob Meinungsfreiheit, Umweltverschmutzung oder die Ereignisse in Hanau, es sei wichtig, diese zu adressieren – „Glaub mir ich werde singen, auch wenn es niemanden mehr interessiert“.

Okay, Album am Stück gehört. Und jetzt? Das Album ist definitiv ein Kind seiner Zeit, es ist ein Zeitzeugnis, der Versuch, zu verarbeiten. Dabei werden so manche Wunden wieder aufgerissen: Die drei Musiker scheuen sich nicht, die Dinge auszusprechen, so, wie sie sind. Haben sie sich im Übrigen noch nie. Das ist genauso angenehm und erfrischend wie der Fakt, dass eine deutsche Band sich mit Themen beschäftigt, die für den deutschen Kontext wirklich relevant sind.

Das dritte Studioalbum von AnnenMayKantereit trägt nicht aus Zufall den Titel „12“. „Auf der Menschenuhr schlägt eine neue Zeit – 12.“ Es ist nicht fünf vor Zwölf, auch nicht ganz kurz vor 12, nein, es ist 12. Ist das die letzte Chance, die entscheidenden Dinge zu verändern? Oder ist es schon zu spät? Nicht nur in diesem Fall gilt: Das, was nicht auf Anhieb verstanden wird, macht die Musik erst zu Kunst.

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