Tief unten im Gleisbett

Von der dekadenten Lebeechse hin zur geordneten Organisation?

Von Raphael Guba

Tief unten im Gleisbett, da lebt es, das Leben. Es tummelt sich das Leben in all seinen Facetten mit zwei, vier, sechs, acht, viel mehr oder viel weniger Gliedmaßen. Alles durch- oder miteinander, geordnete Unordnung. Und ja dort unten, zwischen den Wegerichen und Wurzen, da unten nistet eine Kolonie frech-falscher Zauneidechsen. Sie waren nicht Grund auf böse, sie gleichgültig oder gar freundlich zu beschreiben wäre zu viel des Guten gewesen. Wie verkommen und falsch sie nur waren, listig noch dazu! Wer konnte ihnen trauen, waren sie doch nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht? Sie lebten dekadent in den Tag hinein, sonnten sich mal hier, mal dort. Alle mieden sie, machten schlechte Erfahrungen mit ihnen, Eidechsen eben.

Doch plötzlich, ganz unverhofft, wandelt sich das Bild. Die Reptilien sind militärisch durchorganisiert, machen merkwürdige Gesten und werben, buhlen um Vertrauen – ihnen vertrauen? Die Schleiche, ihre nahe und doch so ferne Verwandte, versteht nicht recht, was ist geschehen?

Es trug sich folgendermaßen zu: Dumm sind sie ja wirklich nicht, die Eidechsen, sie sind klug und so verwundert es kaum, dass eine Altechse irgendwann das Lesen erlernte. Sie verglich den vergilbten Fahrplan am Bahnsteig mit den blechern klingenden Durchsagen der Regionalbahn und nun ja, sie konnte mit der Zeit lesen. Gut, um das tägliche Sonnenbad besser zu takten, was sollten sie auch sonst mit der neu erworbenen Fähigkeit anfangen? Gutes? Hah niemals!

Tief unten im Gleisbett, da lag nun eine Zeitschrift oder eher „Landmagazin“, „Landlust“, „Landliebe“, „Landirgendwas“ (Was Mittelstandsfrauen und freilich auch -männer lesen, um sich den Tag grün zu versüßen, imaginieren). Ein prachtvoller Eidechsenherr rekelte sich schillernd auf dem Titelblatt, wie ein Smaragd, man stelle sich das vor. Darüber: E I D E C H S E – EID ECHSE –

Eid-Echse?!

Richtig falsch gelesen: Eid-Echse. Die Kunde war rasch verbreitet, von diesen, ja diesen Viechern wurde dermaßen viel gehalten? Das konnten sie selbst nicht fassen. In ihren kleinen, nicht einmal erbsengroßen Hirnen tat sich was, sie konnten es nicht einordnen. So etwas wie Stolz, der später Scham wich, machte sich breit. Sie fühlten sich schlecht, hatten sie diesen Namen (Ein Eid, liebe Kinder, ist laut Duden eine „nach fester (Eides)-formel geleistete feierliche Bekräftigung einer Aussage vor einer zuständigen Instanz; Schwur [vor zuständiger Instanz, besonders vor Gericht]“.) doch nicht verdient. Von da an gaben sie auf alles einen Eid, hielten sich auch daran und versuchten sich an einem anständigen Leben, wie ausgewechselt.

Tief unten im Gleisbett, da herrscht ein Miteinander, geordnete Ordnung, im besten Sinne. So klug sind sie dann doch nicht diese Eidechsen, pardon: Eid-Echsen. Einerlei, der Zweck heiligt die Mittel.

Raphael Guba
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