Kiez-Kolumne: 1. City?

Bayreuth ist eine Stadt von Welt, das wissen die Wagnerianer*innen schon lange. Dies ist Grund genug, ihre unverkennbaren Kieze genauer zu beleuchten. Was sind Berlin-Kreuzberg oder der 1. Wiener Bezirk gegen die Altstadt und den Grünen Hügel? Nichts, genau! Auf geht’s in Bayreuths pulsierendes oder eher krampfendes Herz…

Von Raphael Guba

„Wagner, Wagner, Wagner! Oh, wie wir ihn lieben, wir Wagnerianer*innen. Wo geht’s denn hier zum Hause Wahnfried, da soll ja sein letztverwendeter Handschuh ausgestellt, aufgebahrt sein, ob man wohl an ihm lecken darf?“ „Einmal geradeaus.“ Ich lache in mich hinein – neckisch. Sie hasten davon, der Tag ist voll.  Bereit die Innenstadt ernsthaft zu verstehen?

Beginnen wir mit der palmengesäumten Prekariatsstraße, die beinahe (beinahe!), wie ein Werk Tita Gieses wirkt, die Umgebung scheint zu passen: Eineuroshops, Discounter, Absteige, andere Ramschläden und eine Wurstbude, die selbst Sibylle Berg hasst. Kann man das noch toppen? Aber ja! Ich empfehle über den Kanal Grande (nicht zu viel erwarten) in Richtung ZOH zu flanieren, hier wirkt die City beinahe herrschaftlich, Iwalewa-Haus, Synagoge, Schlosskirche und Opernhaus bilden ein schlüssiges Ensemble, bis man Bayreuths Wahrzeichen erblickt, das Rathaus. Phallisch gleich reckt es sich in den Himmel empor und es ist tatsächlich der Größte, in türkis gehalten, umgeben von Noname-Architektur, die Blumenrabatten können das nur schwer kaschieren. Aber da! Ein Ring im Ring, der ZOH, gepfercht zwischen DER Norma und dem verkehrsumtobten Hohenzollernring, hier kann man echte Bayreuther*innen im natürlichen Habitat beobachten, wie sie essend, hetzend, schimpfend herumirren.

Wir steuern Richtung Maximilianstraße, dem Lieblingsbau der Afrikastudien entgegen, um uns zeitgenössischer rassistischer Darstellungen zu ergötzen, dahinter ein paar verwahrloste Gassen (Flair!), ich empfehle jedoch, sich links zu halten. Eine städteplanerische Spielwiese der Superlative tut sich vor uns auf: Dicht gedrängte Platanen unter denen Rentner*innen, Alkoholiker*innen und pensionierte Alkoholiker*innen den Tag ausklingen lassen, einer nachts blau leuchtenden Todesrinne entlang reihen sich historische Brunnen, merkwürdige Gerätschaften, Wurstbuden und eine obligatorische Stadtminiatur auf, tatsächlich sehr beliebt. Links und rechts davon sind Häuser. Der Kanzlei- oder Ludwigsstraße folgend, kann man wieder glauben, dass Bayreuth wohl mal Sitz von Markgräf*innen war. Habt ihr schon von Wilhelmine gehört? Die war toll. Die Friedrichstraße ist nett, hat wohl auch Onkel Wolf gefallen.

Vorbei an einem großen Kasten, der eine Baustelle sein soll, ist es plötzlich grün. Fleißige Männer mit großen Gebläsen achten penibel darauf, dass ja jedes, aber auch jedes Blatt und auch alles kleine Getier nicht Fuß fassen kann, dazwischen schlurft eine Alte mit böser Miene Richtung Insel, vertreibt erst die Jungen, um anschließend Tüten voller Brotreste zu entleeren, die Enten werden sie auch bis morgen nicht zur Gänze verzehrt haben, sie bedanken sich nicht, sei’s drum. Nun ein Meer aus Leibern, einem Spiel frönend, dass man nur in Bayreuth kennt, Musik, Alkohol, Student*innen? Ach ja, dahinter sind noch ein paar Museen alten weißen Männern gewidmet. „Wagner, Wagner! Warum erzählst Du nichts von Wagner?“

Ausklingen lasse ich meinen Tag am Fitnesspark, mehr oder weniger trainierte Körper glänzen in der Sonne, ich lecke mir über die Lippen, der Kanal ist noch ein Bach, ich sehe Tiere, dahinter Plattenbauromantik im Abendlicht, bin ich dicht?

Gut zu wissen: Welche City? (Ja, die Innenstadt heißt so.)

Wird bevölkert von: Mir, Wilhelmine, dem alten Wagner, der Skandifrau 

Place to be: Fitnesspark! Oder Orangerie.

Ausbaufähig: Dreiklang von Rathaus, Ring und Rotem Main

Raphael Guba
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