Von der Jugend von Heute und dem Stil von Gestern

Pech gehabt, liebe Lena und Antje, ich als Jugendstilfetischist lass Euch dieses „HALLO“ nicht ganz durchgehen. Jugendstil ist spannend und weist womöglich mehr Parallelen zur wahrlich verkommenen Jugend von Heute auf, als man zunächst annehmen mag.

Von Raphael Guba

Um 1900 ergreift eine Welle der besonderen Art Europa, der Jugendstil.  Ein echtes Zentrum kennt sie nicht, der Jugendstil ist ein Phänomen mit vielen Namen und noch mehr Gesichtern. Da gibt es den beinahe kitschig bunten Jugendstil Münchens oder den elitären Seccessionsstil Wiens, der ebenso in allen anderen Teilen Österreich-Ungarns bekannt war. Daneben die schrecklich schrille Ausprägung dieser kunstgeschichtlichen Epoche in Riga bis hin zum etwas klassizistischen Liberty Stil Italiens. Eins haben die Varianten des Jugendstils gemeinsam, sie sind zutiefst individualistisch, gesamtheitlich, naturverbunden, technikbegeistert und eben ausgesprochen dekorativ. Dass hinter Schönheit kein tieferer Sinn liegen kann, bezweifle ich. Er steht für Veränderung und gleichzeitig Stillstand, kommt uns das nicht bekannt vor? Diese Reformbewegung des letzten Jahrhunderts kann als Metapher für die Jugend von heute verstanden werden, durch und durch von Widersprüchen durchsetzt. Wir huldigen der Natur, einem gesunden Leben, sind alle „Plant Dads and Moms“, aber eben auch nur, wenn es uns passt. Kulturelle Aneignung und/oder Wertschätzung waren um 1900 auch nicht unbekannt, slawische Krägen und japanische Holzschnitte sind nun wirklich nicht verwerflich und ein feuchter Traum vom Orient auch nicht. Das Stichwort Mode passt auch, aber genug der Polemik, denn unterm Strich würden wir wohl schlechter abschneiden…

Bayreuth mag zwar nicht das Epizentrum dieser europäischen Reformbewegung ums Gesamtkunstwerk darstellen, doch gibt es auch hier so manches spannende Gebäude zu entdecken. Aber doch, man könnte tatsächlich sagen, dass Bayreuth eine eigene Jugendstil-Gattung stellen könnte, den barockisierenden oder neobarocken Jugendstil, wohl vor allem, um sich auf alte Zeiten zurückzubesinnen, Wilhelmine und so, genau dort beginnen wir, vor dem Neuen Schloss. Häupter aus griechischer und germanischer Mythologie blicken auf den Platz davor herab, als würden sie über die Anfänge deutscher Demokratie wachen. Nun die Frage: Welcher Palast ist der stattlichere, jener des Volkes oder der des untergegangenen Adels? Es lässt sich vorzüglich streiten. In nächster Nähe, rund um die Richard-Wagner-Straße lassen sich ebenfalls Jugendstilrelikte ausmachen. Hier wurde jedoch fleißig entstuckt, nur einzelne, handwerklich feinst gearbeitete Gitter, zeugen noch von der vergangenen Eleganz jener Bauten. Nennenswerte Schmiedearbeiten gibt es etwa an der Dilchertstraße 5 oder an der Richard-Wagner-Straße 41. Ebenfalls Jugendstil, aber weitaus subtiler, lässt sich neobarock in der Parkstraße finden. Hier bestimmen graphische Muster und stilisierte Flora in Sandstein, aber auch einzelne Medusenhäupter hüten über die hiesigen Villen. Nicht fernab, am Schützenplatz 6 etwa, vor dem Graf-Münster-Gymnasium östlich des Hofgartens, lässt sich klassischer Jugendstil mit reich verstuckten Fassaden ausmachen. An diesem Bürgerhaus treffen der horizontale und der florale Jugendstil aufeinander, also naturalistische und stilisierte Arbeiten. Vergleichenswert sind etwa die schmiedeeisernen Lorbeerkränze und die reich gefüllten Amphorenstuckarbeiten an der Fassade. In der Friedrichstraße gibt es wenige, aber nennenswerte Seccessionsbauten, etwa gleich die Nummer 24, welche mit Märchen- und Fabeldekor bemalt ist oder etwa das stark reduzierte Hinterhaus in der Friedrich 34, dessen Fenster besonders farbenfroh gearbeitet sind. Beide Wohnhäuser sind nicht neobarock, ganz im Gegensatz zum Justizpalast am Wittelsbacherring 22. Dabei sei vor allem auf die Büsten und floralen Elemente rund um den Haupteingang verwiesen.

Wenige Gehminuten entfernt liegt mein absoluter Jugendstillieblingsbau, welcher aber wohl nicht als solcher erkannt wird. In der Leibnizstraße 9 befindet sich ein Mischwesen zwischen Wiener Seccessionsstil und Art Déco, gefliest, Klinker, wenig graphisches Dekor und doch so ausdrucksstark. Allgemein lassen sich zwischen Röhrensee und Mistelbach und vor allem zwischen Leopold- und Erlanger Straße viele Art-Nouveau-Relikte ausmachen. Die Betonung liegt auf Relikt, denn oftmals wurden die Fassaden der gründerzeitlichen Bauten aufs schändlichste entstuckt und/oder unsachgemäß übermalt, doch einzelne Stuckarbeiten und vor allem Glasfester können als stilecht verstanden werden. Hier gibt es allgemein viele Hybridtypen insbesondere mit Heimatschutzstil und Art Déco. In vielen der hiesigen Bauten lassen sich auch noch herrliche Treppenhäuser mit floralen Fliesen und fein gearbeiteten Portalen finden, oft mit Lorbeerschnitzereien. Das einzige weitestgehende unversehrte Jugendstilensemble lässt sich in der Wölfelstraße finden, die gleichnamigen Brüder haben hier eine ganze Straßenzeile im Stil des Fin de Siecle erbaut. Jugendstil pur aber vornehm dezent lässt sich von Nummer 2 bis 8 finden, gekrönt vom Bau des IWALEWA-Hauses (ehemalige Königliche Filialbank). Hier gibt es alles, was das Herz eine*r Freund*in der Jahrhundertwende begeistert, mythologische Anspielungen, üppige florale Elemente, geschwungene Formen und echtes Handwerk – Gesamtkunstwerke für die Ewigkeit. Mal sehen, wie lange wir halten…

Raphael Guba
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