Kiez-Kolumne Nr.3: Hammerstatt- eine hammer Stadt?

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Bayreuth ist eine Stadt von Welt, das wissen die Wagnerianer*innen schon lange. Dies ist Grund genug, ihre unverkennbaren Kieze genauer zu beleuchten. Was sind Berlin-Kreuzberg oder der 1. Wiener Bezirk gegen die Altstadt und den Grünen Hügel? Nichts, genau! Auf geht’s in den Stadtteil Hammerstatt…

Von Amelie Dümler

Als ich das erste Mal „Hammerstatt“ las, dachte ich, dass es sich hier eindeutig um einen Rechtschreibfehler handeln müsse. Dem linguistischen Phänomen konnte ich nicht auf den Grund gehen. Historisch betrachtet lässt sich der Name des Ortsteils allerdings auf den Einödhof „Hamerstadt“ zurückführen. Bis Anfang des 20.Jahrhunderts war „Hamerstadt“ war, daher die Bezeichnung eines „Einödhofs“. Ist dies noch heute eine Metapher für das „öde Hammerstatt“?

Vom Hohenzollernring erreicht man Hammerstatt am schnellsten durch einen Spaziergang unter den Bahnhofsgleisen. Währenddessen kann man den Staudamm begutachten, dessen Höhe meist aber nicht die Graffiti-Kunstwerke überschwemmt. Tatsächlich ist es sogar von der Stadt Bayreuth gestattet, diesen mit Graffiti zu…verschönern? Immerhin durchbricht die grelle Farbpalette der Graffiti die sonst sehr grau in graue Farbumgebung. Immer im Flow des Staudamms gehend, kommt man durch einen Hochhaustunnel in das Herz Hammerstatts. Der erste Anblick: mit antiquiertem Sperrmüll überbeladene Altglas- und Müllcontainer. Die Müllüberschüsse, die fast den ganzen Hof des großen Hochhauskomplexes einnehmen, sind mit Warnzettel der Stadt Bayreuth behangen, dass bei weiterer Überfrachtung die Müllabfuhr hier nicht mehr vorbeikäme. Vielleicht wird dann endlich offiziell eine Sperrmüllabgabe eröffnet.

Einige Meter weiter gen Osten wartet schon das nächste Highlight: der Nahkauf. Nur Kenner wissen, dass dieser eine Tochter von Rewe ist, der „moderne Nachbarschaftsmarkt“. Beim Streifen durch die Gänge – lieber keinen Einkaufswagen mitnehmen, da Platzprobleme – trifft man auf bekanntes Angebot und Gesichter. Beim obligatorischen Blick in die „Ich bin noch gut“- Wägen, entscheide ich mich schweren Herzens gegen die am Strunk schon schimmelnde Chiquita-Banane.

Aus der Tür herausholpernd, befinde ich mich an der Hauptachse Hammerstatts: die vom Bahnhof bis hin zur Wilhelminenaue führende Friedrich-Ebert-Straße. An der ehemaligen Hammerstraße entlang entstanden während der Industrialisierung die ersten Arbeiterwohnungen, vor allem für Eisenbahner. Als Erbe des Proletariats besteht fast ganz Hammerstatt heute noch aus Wohn- und Blockhäusern. Im Nordosten verstecken sich hingegen noch hergerichtete, aus dem letzten Jahrhundert stammende Villen, die früher Wohnraum für leitende Angestellte waren. Zurück in der Gegenwart müssen wir uns langsam wieder an das Hier und Jetzt gewöhnen. Und wie würde dies besser klappen als bei einem Bierchen in der Endstufe? Von „einmal und nie wieder“ bis hin zu „Kult“ ist zumindest in den Google-Rezensionen alles dabei. Allemal gibt es hier „Lekker Schnitzel“ und ein „gewisses feeling vom Dorf“.

Weniger gemütlich wurde es in der letzten Oktoberwoche, als fast ganz Hammerstatt, mitsamt dem Altenheim, aufgrund einer Bombenentschärfung evakuiert werden musste. Die Bewohner wurden polizeilich aus ihren Häusern dirigiert und danach in der Oberfrankenhalle untergebracht (Hammerstatt hat neben dem Hans-Walter-Wild-Stadion auch in sportlicher Hinsicht was zu bieten). Nach ungefähr fünf Stunden Evakuierung konnten alle Hammerstatter wieder aufatmen: „Endlich wieder alles beim Alten“.

Ist Hammerstatt nun öde oder nicht? Die Lage des Quartiers ist sowohl für Familien mit Kindern als auch für ältere Bürger attraktiv. Seit 2013 ist Hammerstatt ein offizielles Sanierungsgebiet, denn vor allem die Nahversorgung stellt ein Problem dar. Aufgrund der langen Isolationszeit fühlt sich Hammerstatt als eigene Stadt, Nachbarschaftsfeste oder die Hammerstätter Kerwa werden jährlich gefeiert. Ganz öde wird es in Hammerstatt also nicht.

Gut zu wissen: Bayreuth macht London Konkurrenz: In Hammerstatt gibt es noch funktionierende Telefonzellen!

Wird bevölkert von: Neugierigen Nachbarn

Place to be: Auf dem Weg in die City, Wilhelminenaue

Ausbaufähig: Das kulinarische Angebot