Die Ferkelparabel

Von Raphael Guba

Ich bin ein Schwein, du auch. Zumindest gibt es nicht all zu wenige hiervon. Klug sind sie alle miteinander. Dumm auch. Das hier ist weniger ein Angriff, als eine kleine beschreibende Analyse eines Zustands. Hier also das Gleichnis von glücklichen Rüsseltieren, welche zumindest manche von uns noch zu verzehren pflegen – wenige.

Sie haben sich nun fast schon zwei Jahre in den so geliebten feucht-schmierigen Gruben gewälzt, gesuhlt – die kleinen niedlichen Ferkelchen unter ihren Rotlichtlampen. Kurz nach ihrem Wurf in diese unbegrenzt, begrenzte Welt, wurden sie nicht – wie üblich – von den Muttersauen getrennt, sondern durften sich an ihrer Biestmilch fett saufen, vor allem im übertragenen Sinne, denn schnell fett werden müssen sie nicht. Das Futter enthält wohl sorgsam dosierte Konzentrate und Spuren von allerlei Geliebten, in einem Verhältnis, dass es ihnen an nichts fehlt und das aller, aller Beste aus ihnen herausholt. So geht es vielen der Ferkel. Doch die Schlachtung droht, aus den kleinen Geschöpfen wurden aufgeblasene Sauen und Eber, welche bald wieder unter dem Rotlicht liegen werden, aber schmackhaft zubereitet, immerhin waren sie Bio-Schweine, sie haben es sich gut gehen lassen.

Doch nicht so hastig!

Heraus aus ihren Wurfboxen stolperten sie in eine laute Welt, es ist nicht mehr so behaglich und doch viel geiler, sie sehen sich mit Andersartigkeit konfrontiert, solche die nicht passt, die sie nur aus der Ferne beobachten und beschimpfen durften, im Maststall der Welt fressen sie sich weiter voll, jetzt wo sie gestresst sind, können die Schweine ihrem Hass freien Lauf lassen. Da prallen Welten aufeinander die sich zwar alle im Kosmos der Biomast heranwachsen, aber sich doch nicht so recht passen mögen. In diesem lauten Stall nun befinden sie sich und verdrehen die Worte wie sie gerade recht sind. Einmal ist das Gemeinte richtig, dann wieder die Wirkung, je nach Argumentation – keine Sorge, sie können alle Sieger*innen sein und Verlierer*innen auch. Dem allen wohnt nicht nur eine zersetzende Feindschaft inne, sondern vor allem eins, die altbekannte Doppelmoral.

So manches Rüsseltier hat sie gern und bekennt sich zu ihr, der kleinen Schwester der Selbstgerechtigkeit. Wer so weit fortgeschritten ist, fällt praktisch schon durch den Spaltenboden der Mast und kann durch seine eigene Gülle in die Freiheit waten.

Die restlichen Schnitzel, Schweinsbraten und Würste müssen sich noch etwas gedulden, denn sie sind sich ihrer Doppelmoral nicht bewusst, wägen sich immer im Recht, grunzen aufgeregt laut, sodass man nichts mehr hört und sieht. Ein groteskes Konzert aus Meinungen und Gemeintem, verletzten Gefühlen oder war es doch Stolz? Und Beleidigungen, die mal erlaubt sind, dann aber wieder auf das Strengste verboten. Ein „Qieeek“ und ein „Oink“. Oh und wie sie nur recht haben, alle, die lieben, kleinen, saftigen, fetten… Sie vergessen ja nicht das Fressen, von allem, was passt. Doch ab und an kommt es vor, dass sich so manches von ihnen verrennt, gestern noch verurteilt, heute schon getan, schlimm, wenn es auch noch zur gleichen Sache ist, aber nur zu gut, dass eingeschätzt werden kann, wer was meint und vor allem, was selbst nicht gemeint wird. Bemerkenswert ist, dass das Gequieke nicht ein solches bleibt, es wird bitterer Ernst. Die kupierten Ringelschwänze des Anstands, der Reflexion und des Wohlwollens gibt es nicht. Freudig beißen sie, die Kleinen, in die beborsteten Fortsätze ihrer Rival*innen, bis es schrecklich blutet. Immer mehr Unruhe, die Rotte verfällt in Rage, immer fort, immer härter, alle gegen alle, dann wieder vereint. Die Bäuerin Prudentia verzweifelt, mag sie noch so oft das Vieh auseinandertreiben, besänftigen, es hat keinen Zweck.

Eines Tages scheucht sie die wilde Horde hinaus, in eine dunkle Enge, die Eber und Sauen drängen sich, beißen und schlagen aus. In Ihrer Tollsucht vergessen sie den Ernst ihrer Lage, in dieser schmerzlichen Nähe keifen sie noch eine Weile weiter. Irgendwann sind sie still, begreifen ihre Situation. Verschmiert von Kot, Urin und Blut, den lieben Hinterlassenschaften ihrer Schmutzkampagnen. Der Kampf den sie führten, war nicht der Sache dienlich, kein Ziel erreicht und falls doch dann nur hinter der siechenden Spur aus zurückgelassenen, zertretenen und erschlagenen Artgenoss*innen, sie landen in der Kadavertonne der Doppelmoral.

Der Bolzen schießt,

die Klinge sticht,

bis das letzte Schweinderl nicht mehr ist.

Und da liegen sie nun, dicht auf dicht,

auf fleischers´ Thek´ im warmen Licht.

Es gibt auch freie Schweine, solche, die durch ihre eigenen Exkremente getaucht sind, verstanden haben, was sie sind – kleine Heuchler*innen. Sie machen kaum etwas anderes als zuvor, nur eins ist anders, nichts ist Gewiss. Jedes von ihnen folgt falschen Fährten, jedes von ihnen meint, sagt und empfindet – und reflektiert. Vielleicht kommt auch wieder die wohlige Wärme der Lockdownzeit.

Raphael Guba
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