Konsequent(zlos) rassistisch

ein Gastbeitrag von Maraike Schäfer, Judith Lehner und Marlene Tillack

Wie es ist, als Person rassistisch diskriminiert oder diskreditiert zu werden, werden wir nie nachvollziehen können. Weil wir drei weiße Studentinnen sind. Wir haben jedoch erfahren, was passiert, wenn man Rassismus [1] zur Sprache bringen will. Dass einem Steine in den Weg gelegt werden, über die man sich fast nicht zu steigen traut. 

Deswegen schreiben wir nun einen Artikel, ohne die Namen der Täter zu nennen. So unkenntlich gemacht, wie es nur geht, aus Angst vor einem Gerichtsverfahren. Wir wollen niemanden bloßstellen. Wir wollen zeigen, wie an der Uni mit einem strukturellen Problem umgegangen wird – oder auch nicht.

Was ist also passiert? Alles begann mit einem Seminar an der Uni Bayreuth, das extern organisiert wurde. Während dieses Seminars äußerte ein Referent das rassistische Äquivalent für Subsahara-Afrika. Auf unsere Wortmeldungen hin, dass wir das als rassistisch empfänden, geriet der Referent in die Defensive. Und nahm gleich noch mehr Äußerungen, wie zum Beispiel das M-Wort, in den Mund. Aussagen, die gerade im vergangenen Jahr auch medial als rassistisch konnotiert angeprangert wurden. Schwarze Freunde zu haben und Afrika gut zu kennen, macht einen nicht von rassistischen Äußerungen frei – auch wenn der Referent dies so behauptete.

Seine Rechtfertigungsversuche führten wiederum zu noch mehr Wortmeldungen und einer lebhaften und zunehmend unsachlichen Diskussion.

Live dabei waren mehrere Professoren – niemand von ihnen wagte es, den Rassismus klar zu benennen. Uns wurden Gespräche angeboten, ja – aber für uns war klar: Das ist nicht genug. So etwas darf nicht einfach wieder passieren. Die Uni sollte ein geschützter Raum sein, für alle. Solche Aussagen von Dozierenden können nicht völlig ohne Konsequenzen bleiben.

Wir informierten den Arbeitgeber des Referenten. Wenn jemand unter dem Mantel seines Arbeitgebers so auftritt, sollte dieser darüber informiert werden – das war unsere Meinung. Doch eine Antwort erhielten wir nie.

Wir wollten uns Gehör verschaffen und über den Vorfall berichten. So baten wir den Referenten um die Freigabe der Sätze, die im Seminar gefallen sind und erhielten prompt eine Antwortmail mit Medienanwalt im CC. Uns wurde darin nicht nur mit rechtlichen Konsequenzen gedroht, wir wurden auch beleidigt und beschimpft.

Auch der Veranstalter schütze den Referenten. Um frei berichten zu können, bräuchten wir die Videoaufzeichnung des Vortrags – als Absicherung im Falle einer Klage. Der Verein wollte sich jedoch lieber an die Absprache mit dem Referenten halten – der gewünscht hatte, das Video nicht zu veröffentlichen (alle anderen Vorträge des Seminars wurden öffentlich gemacht). Auch von dieser Seite wurden rechtliche Schritte im Falle einer Veröffentlichung des Artikels nicht ausgeschlossen. Statt ehrlicher Auseinandersetzung und Unterstützung hagelte es also Unverständnis und Drohungen.

Nur durch zwei Professoren der Uni Bayreuth und die Stabsstelle für Chancengleichheit erfuhren wir zumindest mentale Unterstützung und Beratung. Und das Signal: Es ist wichtig, Rassismus als solchen zu benennen.

Viel passiert ist dadurch aber nicht. Warum also schreiben wir das alles? Was zeigen uns diese Vorfälle?

Im Kampf gegen Rassismus steckt Deutschland und selbst eine Universität noch völlig in den Kinderschuhen. Wir wollten gegen Rassismus aufstehen. Uns wurde gesagt, wir würden Menschen nur bloßstellen wollen, wären unverschämt, sollten es doch endlich einmal gut sein lassen. Sogar als “beste Nazimanier“ wurde unser Nicht-Locker-Lassen beschimpft. Und selbst diejenigen, die uns in der Sache grundsätzlich unterstützen, wollen kein Risiko eingehen. Zu groß die Angst vor einem Rechtsstreit – ähnliche wurden wohl in der Vergangenheit verloren.

Doch manchmal braucht es eben Mut. Wir wünschen uns eine Uni, die nicht immer auf Nummer sicher geht, sondern sich Rassismus konsequent entgegenstellt.

Jetzt haben wir wenigstens die Veröffentlichung dieses Artikels erreicht – nach einem halben Jahr anstrengender, ermüdender Gespräche. Wir – als weiße, privilegierte Menschen – können und wollen uns gar nicht vorstellen, wie schwierig dieser Kampf für diejenigen ist, die selbst von Rassismus betroffen sind.

Trotzdem – oder gerade deswegen – würden wir jedes Mal wieder aufstehen, wenn sich jemand (bewusst oder unbewusst) rassistisch äußert. Und wir wollen mit diesem Artikel andere ermutigen, es auch zu tun. Denn nur, wenn auch Nicht-Betroffene vehement widersprechen, wird Rassismus seine Gesellschaftsfähigkeit irgendwann verlieren. 


[1] Wir beziehen uns grundsätzlich auf ein modernes Rassismusverständnis

Raphael Guba
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