(Un-) Verzichtbar

Von Raphael Guba und Antonia Trieb

Gaultiers Goldjunge und die Musik

Gibt es jemand unwiderstehlicheren auf dieser Welt, als einen Parker van Noord? Für mich kaum. Man stelle sich nun dieses Geschöpf sich – halbnackt – räkelnd zwischen taubenblauen Bettlaken vor, etwas verträumt dreinschmollend. Wenige Momente später gleitet das sonnengeküsste Wesen in ein tristes Badezimmer, um mit seinem Körper auf ästhetischste Art und Weise am Spiegel zu reiben, zu strahlen. Etwas narzisstisch, aber vor allem heiß. Dazu zähle ich auch den Akt mit dem Türrahmen oder doch sich selbst? Letztlich wünscht man sich nichts mehr sehnlicher, als dem drahtigen vor sich hin tänzelnden Etwas mit zu tiefsitzender Hose in Form des Straßenköters in letzter Sequenz beiwohnen zu dürfen, damit wäre auch klar, wer wo steht. Ach ja, alles wunderbar mit Sebastián Faenas Song „Artficial Irresistible“ untermalt. Faena zeigt diesmal, dass er nicht nur Modefilm und -photographie, sondern tatsächlich auch singen kann.

„Artficial Irresistible“ von Sebastián auf Apple Music, YouTube und Spotify.

Elend im Glamourgewand

Das „Who´s Who“ des zeitgenössischen deutschen Films (im besten Sinne), Prostituierte, Bettelsmänner und natürlich auch -frauen sowie schrille Texte – so sieht Mackie Messers Dreigroschenfilm aus. Brecht hatte wohl wirklich den Traum, sein bekanntestes Werk verfilmen zu lassen. Hier ist ein Vorschlag, wie es wohl hätte enden können. Die oft kritisierten La-La-Land Anbiederungen (hier im schlechtesten Sinne) möchte ich an dieser Stelle vergessen. Mehr Dreck, mehr Elend, mehr, das hätte dem Film sicher gutgetan. Sobald aber wieder im Bordell getanzt wird und mit Armut Geschäfte gemacht werden, kann ich nur herzhaft lachen, ja ja, es ist Kapitalismuskritik, da bin ich wieder ganz bei der Urfassung. Die gesamte Aufmachung eines imaginären Films in Brechts Geiste und mit mäßigem Lehrauftrag ist doch irgendwo bemerkenswert. Bertolt ist alles andere als Schnee von Gestern und da unsere Kulturtempel derzeit ohnehin nur mit aller Mühe und in Maßen zu erreichen sind, warum nichts Neues wagen?

Für alle die etwas zu viel Zeit haben: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ist noch bis zum 03.02.2022 in der arte-Mediathek frei empfänglich.

„Sollbruchstelle Herz mit ‘ner Basisfraktur“

Es klingt so, als würde man in ein fremdes, aber doch bekanntes Leben gezogen werden, man wünscht sich ein ewiges Suhlen in diesem Gefühl der Verlorenheit und des Schmerzes, obwohl man Selbstmitleid sonst verachtet, man fühlt Liebeskummer, den es grad‘ nicht gibt oder den es nie gab.  Obgleich des Wohnens in einer Provinzstadt spürt man die Tristesse der Großstadt und dem dort herrschenden Elend auf den Straßen, in deren schmutzigen Pfützen sich das eigene Leid widerspiegelt.  Sich reinsteigern, in den Wunsch nach einem Ausbruch, nach Abgrenzung von jeglichem Konformismus, Perfektionismus, der ständigen Beobachtung und Erreichbarkeit, eigentlich Abgrenzung von allem. Sehnsucht nach einer eruptiven Flucht nach vorne. Plötzlich sucht man rastloser und verzweifelter denn je nach Liebe, obwohl man sie eigentlich schon hat oder weiß, dass sie nicht greifbar sein wird, wär‘ sie doch gefangen. Plötzlich keine anderen Probleme, als die Suche nach der Liebe und Hoffnung – vergebene Liebesmüh, Hauptsache der Smog in der Lunge wärmt von innen. Hundert fahren, ohne Licht, grüne Scheine in den Nikes, der eigenen Entfremdung von sich selbst zu sehen. Erschlagen von den Möglichkeiten aller gehbaren Gehwege.                                                       Wie als wär‘ genug Melancholie, Schmerz und Hoffnung für ein ganzes Leben auf Platte gepresst worden und das in zwölf Minuten komprimiert und gratis hörbar:

Die EP “Fahr uns nach Hause” von Paula Hartmann – vermutlich auf allen Plattformen zu finden.

„Er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn“

In einem Käfig auf etwas Stroh sitzend und jegliche Nahrungsaufnahme verweigernd. Rund um die Uhr wird der Hungerkünstler von Sensationslüsternen begutachtet, belächelt und bewacht, dass er ja nichts heimlich frisst. Er labt sich an den Blicken, an dem Getratschten, waren es doch nie die Fressalien, die ihn am Leben halten. Obwohl die Besucher immer wieder kehren, ist es perzeptibel, dass sie ihm durchaus mit ambivalenter Haltung begegnen: einerseits mit Skepsis, zwecks der tatsächlich fehlerfreien Hungerei, dann mit Nimbus für seine Insistenz, doch auch mit Ekel, angesichts seines ausgemergelten und schwachen Körpers. Das allmähliche Desinteresse der Massen kränkt ihn, doch sein Elend ist nicht länger mit anzusehen. Später bleibt der Hungerkünstler weiter im Käfig, muss sich aber das Rampenlicht mit den Viechern eines Zirkusses  teilen. Weiterhin fleißig kunstschaffend, bleibt jedoch die Gunst der Besucher bei den Tieren hängen. Leid bis zum Schluss, doch das muss selbst gelesen werden. Kunst, Körper, Seele – ein Spagat zwischen Vergänglichkeit und Geltungsdrang.           Ein herrlicher Prosatext, der, typisch Kafka, Irritation hervorruft und den Leser unweigerlich durch seine Vielschichtigkeit und seiner zeitgenössischen Applikabilität eng an das Schicksal des Protagonisten fesselt. Kafka wirft relevante Fragen zur Wahrheit über das Künstlertum, aber auch über die grundlegende Natur des Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert, auf.

Eine relativ kurze und immer noch lesenswerte Parabel: “Ein Hungerkünstler” von Franz Kafka – Kostenlos als PDF und auf Amazon.

Raphael Guba
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