Cannes Mann so machen !

Du côté de la côte, Agnes Varda, 1958; https://mubi.com/de/films/du-cote-de-la-cote

– Ein Kommentar zum peinlichen Symposium zur Zukunft des Kinos

An der Côte d’Azur wurde es Ende Mai wieder glamourös, die Filmfestspiele kehrten gar als 75. Jubiläumsausgabe zurück in das vermeintliche Post-COVID Zeitalter. Doch es war eine ernstere Ausgabe, voller Zweifel und offenen Fragen, die Pandemie ist weder überwunden noch ansatzweise verarbeitet, Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine und die nahende Klimakatastrophe sind auch hier sich aufdrängende Diskurse. Cannes macht immerhin nicht den Fehler von 75 Jahren Glanz zehrend auf weitere 75 Jahre unverändertes Fortbestehen zu schließen. Die Frage der Erneuerung ist eine konstante, besonders dann, wenn man es nicht schafft eine Antwort auf die Frage der eigenen Identität zu finden.

Bei den Filmfestspielen 1982, also vor genau 40 Jahren, widmete sich Wim Wenders bereits der Frage zur Zukunft des Films in seinem zum Drehort umfunktionierten Hotelzimmer 666, in welchem diverse Regisseur:innen unabhängig voneinander insbesondere zur Leitfrage: “Is cinema a language about to get lost, an art about to die?“ ihre Gedanken teilten. Wohl als gewisse Referenz und den Zeichen der Zeit geschuldet gab es nun 2022 eine Art Neuauflage mit einem Symposium zur Zukunft des Kinos, welches besonders am 1. Tag an Absurdität kaum zu überbieten war. Geladen wurden 8 Männer, Altersdurchschnitt 63,1, gesprochen wurde nicht miteinander, sondern nacheinander. Doch was wurde gesagt?

Die zentralen Fragen blieben dieselben wie vor 40 Jahren, damals noch die Frage wie und in welcher Form Kino gegen Fernsehen bestehen kann ist es heute die Frage wie Kino und Streaming miteinander konkurrieren und interagieren. Auch unverändert die Frage wie sich Großindustrieller Kommerz und Kunst in ihren Interessen versöhnen lassen.Selbst die Floskeln der Regisseure sind austauschbar zwischen den vier Dekaden: „the future will present itself with a ruthlessness yet unknown“ wie es Michelangelo Antonioni 1982 ausdrückte oder wie Guillermo del Toro es heute sagt: “the future will presents itself no matter whether we want it or not”. Wie damals Steven Spielberg sagte: “Hollywood wants the ideal movie with something in it for anyone. And of course, that’s impossible.” Oder wie del Toro es heute positiv umdeutet: “My first duty is to tell the stories [and for that] the first duty of the filmmaker is to make the money […]”. Inwiefern diese Beiträge und Fragestellungen zur Zukunftsfrage des Kinos beitragen bleibt offen, kritischer äußert sich zumindest der älteste im Bunde, der 89-Jährige Costa Gavras: “I believe the new generation is totally different and we’re all different now. We approach cinema in a different way after COVID. We need to listen and to tell stories… Human beings can’t survive without stories; therefore, cinema will continue. Not in the form we know it, but it will continue.” All dies kratzte nur an der Oberfläche, wie auch der jüngste im Bunde Nadav Lapid zumindest erkannte: “We all run to save the cinema, but what are we saving? Are we trying to save something that really talks about existence? I don’t think we’re sufficiently asking ourselves these questions or are really using all the ways we have at our disposal to ask ourselves about these truths.”.

Was ist es nun eigentlich worüber gesprochen wird, was gerettet werden soll und warum überhaupt? Was zeichnet Film aus, was macht Kino besonders und inwiefern liegt darin irgendeine gesellschaftlich relevante Bedeutung? Diese Fragen wurden nicht gestellt, es wären die richtigen gewesen. Ich kann Cannes nicht ersetzen, doch einen kurzen oberflächlichen Impuls zur Zukunft und Bedeutung des Kinos liefern. Als Mann sollte das doch eigentlich reichen für eine Einladung zum nächsten Panel.

Was gelingt dem Medium Film wohl besser als jedem anderen? Perspektive. Das ist dahingehend von Bedeutung, da es mit der Individualisierung auch zu einer Emanzipation der eigenen Perspektive gekommen ist und damit zu einer zunehmenden Inkommensurabilität wahrgenommener Lebensrealitäten. Das ist erstmal dramatisch, bedenkt man, dass all diese Perspektiven in einer globalisierten Welt funktional in irgendeiner Art und Weise gebündelt werden müssen. Doch mit der globalen Vernetzung rückt man wieder näher und näher aneinander, Ahrtal oder KwaZula-Natal, nur ein theoretischer Unterschied. Zumindest in der Theorie. Oder eine Frage der Perspektive. Film kann sowohl die Perspektive einer anderen Weltordnung als auch die Perspektive einer anderen Lebensrealität abbilden und damit hochbedeutende Sensibilisierung für den Gang der Welt und unsere Mitmenschen bewirken, beides gelingt aber nicht besonders gut durch eine homogene alte und weiße Männermasse. Denn unsere Perspektive auf die Welt ist bereits nach Werkseinstellung androzentrisch und alt. Wir können unmittelbar nicht die Brille, durch die wir die Welt betrachten abnehmen, jedoch können wir für eine limitierte Zeit mit unserer Brille durch eine fremde Brille die Welt betrachten und damit nachhaltig Nuancen unserer Perspektive beeinflussen. Somit hat Film das Potential futuristische, progressive und vor allem diverse Perspektive sukzessive in unsere Bestandsperspektive zu integrieren. Je normierter und homogener diese Perspektiven nun sind, desto geringer die Impulse, welche Film in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen kann.

Diversität im Film ist multidimensional mangelhaft, einen besonderen Fokus sollte aber doch auf die Emanzipation der Frau im Film gelegt werden, und zwar nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Denn wäre es nicht fantastisch, wenn das seit Jahrhunderten so dramatisch männlich und westlich geprägte Monopol der Perspektive aufgebrochen wird? Das verbrecherische daran ist, dass diese Perspektiven existieren, nur werden sie durch traditionelle Verpflichtungen an männliche Regie-Dynastien untergraben, trotz der „Rekordanzahl“ von Filmen weiblicher Regie im Hauptwettbewerb, 5 von 21. Hätte eine Cannes-Nominierung und Auszeichnung nicht einen außergewöhnlichen Einfluss auf die Wahrnehmung einer Regisseurin und den ausgezeichneten Film könnte man Cannes Praktiken als peinlich rückständig abtun und sich genüsslich den famosen Werken von Agnès Varda, Ava DuVernay oder Sian Heder zuwenden. Aber das haben diese und Perspektive entfaltet erst dann eine Wirkung, wenn durch sie gesehen wird und ihr die notwendigen Mittel zur Schaffung zugestanden werden. Es bleibt also zu hoffen, dass Cannes nicht nur Panels veranstaltet, sondern auch intern durchführt und dabei die richtigen Fragen stellt und gute Antworten findet. Dabei hilfreich, zuschauen und hinhören, denn die aussagekräftigste Stimme zur Zukunft des Films, Yılmaz Güney, Gewinner der Goldenen Palme 1982, konstatierte per Tonband und Fotografie im Chambre 666 in Szene gesetzt zielgenau: “At this point, not becoming part of advancing cinema but becoming part of collapsed, dissolved and outdated filmmaking is wanted. […] Basically, in my country, dominant, advancing cinema is old-fashioned. On the other hand, there is a blooming type of cinema that is being constantly suppressed, banned, punished, silenced, by some dominant forces.”.

Lukas Baderschneider
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