Fluch oder Segen?

Ein Auszug aus dem WG – Leben

Von Lukas Büttner und Amelie Dümler

9:30 und der Wecker klingelt. Verschlafen wache ich auf und ent- scheide mich aufgrund der sowieso schon knapp kalkulierten Zeit bis zur Vorlesung gegen eine kurze Verlängerung meines wertvol- len Schönheitsschlafes. Raus aus dem Bett und ab unter die Du- sche – war wohl nichts, denn das leise Duschrauschen im Bad ist noch durch meine mangelhaft dämmende Zimmertür zu hören. Nach zehn Minuten schier endlosen Wartens renne ich in das end- lich freie Bad, putze mir die Zähne, verwechsle beim Anziehen den linken mit dem rechten Socken, schnappe meinen halb-bepackten Rucksack und schwinge mich auf mein Fahrrad. Die Uni zu finden ist mir mittlerweile ein Leichtes, aber den Hörsaal H21 zu finden für mich noch eine Kunst. „In der Ruhe liegt wohl die Kraft“, den- ke ich mir und atme, obwohl ich nach dem Wetttreten völlig aus der Puste bin, vor dem Betreten des endlich richtigen Hörsaals einmal tief durch. Natürlich platzt der Vorlesungssaal fast aus allen Nähten mit noch motiviert erscheinenden Student:innen. Beim Zusammenkneifen meiner Augen kann ich zum Glück noch ein paar Lücken inmitten vieler Gesichter erkennen. Schnell setzte ich mich –so unauffällig wie nach dem Zufallen der schweren Hör- saaltür möglich- auf einen Platz am Rand, klappe meinen Laptop auf und stelle fest, dass meinem liebster Begleiter seiner Energie- reserve entronnen ist. Kein Wunder, denn meine Mitbewohnerin bunkert schon seit ein paar Tagen mein Ladekabel.

Genervt und nach Ablenkung suchend lasse ich meinen Blick durch die Reihen schweifen und entdecke das Techtelmechtel mei- nes Mitbewohners, von vor einiger Zeit. Schon hellt sich meine wieder Stimmung auf. Diese Information möchte ich keineswegs ihm nicht vorbehalten, greife an mein Handy und sehe, dass in der WG-Gruppe abermals nach dem Auffüllen des Klopapierdepots verlangt wird. Nach der weiteren Stunde Absitzens und des Be- sinnens über die Temporalität einer Klopapierpackung, ganz nach „momento mori“, fahre ich betrübt nach Hause. Beim Klettern über die bunt verstreuten Schuhe durch den Flur in die Küche ist es fast unmöglich, den außer Rand und Band überquellenden Bio- müll nicht zu übersehen. Trotzdem ignoriere ich vorerst diese Tat- sache und widme mich meinem noch präsenteren Hungergefühl. Der mitgebrachte Kuchen von dem Wochenendbesuch aus der Heimat würde nicht nur mein Magenknurren trösten, – doch von diesem sind lediglich die Krümel vorzufinden. Jetzt muss ich also doch ran an den Herd…Wie ich meine WG hasse! Während ich in der Küche mit meinen Pesto-Nudeln gerade wieder einen kulina- rischen Höhepunkt fabriziere, schwingt sich plötzlich meine Mit- bewohnerin durch die quietschende Wohnungstür. „Huhuuhuhuu – ich brauch ́ mal eben Hilfe“, hallt es übertrieben laut bis in die letzte Ecke unserer WG. Immer noch dezent genervt von meinem verkorksten Start in den Tag laufe ich so langsam in den Gang.

„Woooow“ kommt es aus mir heraus; in unserem Gang stapeln sich derart viele Einkaufstüten, dass ich kurz befürchte, meine Mitbewohnis planen die Eröffnung eines Supermarktes. „Ich habe eingekauft“, tönt meine Mitbewohnerin, voller Stolz und zeigt mit beiden Armen auf ein Sammelsurium an Lebensmitteln, mit dem wir locker einen Corona Lockdown überstehen würden. Zu mei- ner großen Freude hat sie gleich zwei Pakete Klopapierrollen mit- gebracht. „Schau mal“ kreischt sie freudestrahlend „ich hab ́ uns Kuchen mitgebracht“. Dich schickt einfach der Himmel, denke ich, und innerhalb von Sekunden erheitert sich mein Gemüt.

Während meine Mitbewohnerin und ich gerade fröhlich plap- pernd die Einkaufstüten leeren, öffnet sich die wirklich heftig quietschende Wohnungstür erneut. Naa, wen haben wir denn da?! Denke ich und kann mir ein fettes Grinsen beim Anblick mei- nes Mitbewohners wie er und sein Techtelmechtel etwas verdutzt von unserem Empfangskomitee mit einem Kasten Bier in der Tür stehen, einfach nicht verkneifen. Der Tag wird immer besser! „Oh man, eigentlich müsst ich ja wirklich dringend mal meinen Uni Kram erledigen, aber ich hab ́ einfach so gar keine Lust“ be- kennt uns schließlich meine Mitbewohnerin sichtlich geplagt vom schlechten Gewissen. Ah was soll ́s, gegen derartige Beschwerden hilft bekanntlich immer der gute, alte Hopfentee! Und als wir so in der Küche beisammen sitzen und unser schlechtes Gewissen bei einer munteren Unterhaltung und einem fröhlichen Schluck zu beruhigen versuchen, fällt meinem Mitbewohner plötzlich wieder ein, dass heute noch der Handwerker zum Heizkörperent- lüften kommen wollte. Oh Schreck – unsere Wohnung sieht aus wie Dresden 45 ́! Also auf geht ́s Putzlappen raus, Musik laut und ab geht die Luzi! In den folgenden 180 Minuten erfährt unsere Wohnung den wohl heftigsten Großputz ihres nun schon sehr lan- gen Bestehens. Als der Handwerker mit seinem Werkzeugkoffer schließlich die Tür nach sich schließt und die Sonne hinter dem Horizont versinkt, sitzen wir alle vollkommen fix und foxy in un- serer wunderschön sauberen und herrlich warmen Wohnung und sind einfach nur selig.

Als wir nun -einer nach dem anderen- wieder so langsam in die Gänge kommen, sind wir uns einig; dieser Tag ist noch nicht zu Ende, da geht doch noch was! Kurzentschlossen entscheiden wir uns den Abend mit der WG unter uns gebührend zu beenden, schließlich teilt man doch sein Bier gerne mit den restlichen leid- geprüften Studies dieser Welt. Als wir dann weit nach Mitternacht fröhlichen Herzens und ordentlich verschallert ins Bett fallen, sind wir uns einig; Wir bleiben zusammen hier in dieser Woh- nung -ziehen niemals aus- und werden gemeinsam alt!

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