Don‘t hate the player, hate the game.

Negieren und theoretisch boykottieren, das fällt leicht. Agieren und praktisch visionieren, das fällt schwer. Der Fußball strotzt vor Pathologien, einflussreiche interne Revolutionäre hingegen sucht man vergeblich.    

Von Lukas und Rebecca Baderschneider

Zu Beginn ein kurzer Scoutingbericht über das Jahrhunderttalent Fußball und dessen vielversprechende Anlagen, zu einer funktionalen Gesellschaftsbildung beizutragen. Sport hält gesund und macht Spaß. Es werden soziale Grundkompetenzen spielerisch gelebt, es wird Zeit in einer Gemeinschaft verbracht und erlernt, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Zudem können sprachliche und habituelle Barrieren überwunden werden, wenn nicht mehr das Mundwerk, sondern der Fuß spricht – zumindest égalité und fraternité scheint so greifbar.

Fußball ist ein populärer Zufluchtsort in einer entfremdeten Welt, in der die voller Verzweiflung Bedeutung selbst im Bedeutungslosen gesucht und gefunden werden muss. Das ohne Zweifel bedeutungslose Ergebnis der U15-Bezirksoberliga wird so systematisch zum finalen Zweck erhoben. Somit wird jedoch, wovor Kant bereits warnte, der Mensch vom Selbstzweck zum Mittel zum Zweck degradiert – mit gravierenden Folgen. Während mit dem Menschen als Zweck der Fußball schlichtweg dazu dient, u.a. Spaß, Kreativität und Gemeinschaft zu befördern, und die schiere Lust am Spiel als Motiv dient, wird mit dem Sieg als Zweck der Mensch mit all seinen vielschichtigen Befindlichkeiten zum bloßen Mittel, die nur dann Beachtung finden, wenn sie dem Zweck dienen – oder wie in der Praxis deutlich verbreiteter – beginnen diesen zu gefährden. Mensch und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke und werden substituiert mit knallhartem Konkurrenzkampf und dem Recht des Stärkeren, des Siegenden, des Zweckrationalen. Die Ähnlichkeit dieses über allem stehenden Motiv des Sieges mit der Profitmaximierung des Kapitalismus ist unverkennbar. Doch der Fußball bietet noch eine weitere angenehme ideologische Einführung in pure, ungebrochen traditionelle Männlichkeit.

Fußball ist eine der unverkennbaren fortbestehenden Sphären, in welcher männlich patriarchaler Habitus konstruiert und gefestigt wird, Gegenmotive exkludiert werden und so ein Zufluchtsort ideologischer Homogenität und somit Macht geschaffen wird. Die vermittelten Werte umfassen etwa Kampfgeist, Durchhaltevermögen, Leidenschaft, Loyalität oft in Verbindung mit Alkohol, oder wenn es in die Spitzenklasse geht, zumindest mit einer kleinen Prise Rape Culture. Diese „traditionelle“ systemfunktionale Scheinselbstverständlichkeit kann dabei nur durch diese induzierte Alternativlosigkeit in Praxis und vorgelebter Theorie aufrechterhalten werden, es fehlt schlichtweg an Vorbildern und Vordenker:innen. Einzigartig ist das keineswegs, doch wohl keine Sphäre wird in einem solchen Maße von Leitmedien und Gesellschaftsroutinen normalisiert bzw. viel mehr als Norm etabliert. Dass ich mit dem Panini-Album der Bundesliga Saison 2006/2007 lesen lernen durfte, ist sinnbildlich. Etwa zur selben Zeit wurde ich von Vorbildern wie Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger oder Jens Lehmann zum Sport selbst inspiriert. Schnell lernte ich dazu, etwa, wer stark und wer schwach ist, wer Anerkennung verdient und wer nicht und von der Bedeutung von Sieg und Niederlage. Ich erlernte die gewaltvollen Exklusionsmechanismen des „Teambuildings“: im Stadion über Rassismus und Hassparolen gegen alles Fremde, somit Gegnerische und damit Feindselige, im Bahnhof durch praktizierte physische Gewalt, weil man das falsche Trikot trägt, in der Mannschaft multiple Formen der Diskriminierung, weil die falschen Schuhe getragen wurden oder die darin versteckten Füßlein sich nicht geschickt genug bewegten. Die Logik des Feldes expandiert so auf die Tribünen und diffundiert von dort medial gestützt in die breite Gesellschaft.

Dass die implizit kapitalistische und patriarchale Ideologie nahezu kongruent ist, überrascht nicht und sei auch im Allgemeinen zu vermerken.

Der Einwand, gewiss belächelnd auflodernd, dass das eben Fußball sei, ein Sport mit Emotionen und Tradition, ob man will oder nicht, ist dabei teilweise korrekt und es muss konstatiert werden: „It’s easier to imagine the end of [football] than the end of [its ideology]”

Nun in 2022 mit der sich anbahnenden WM-Dystopie in Katar und der umjubelten Frauenfußball EM-Sommersause in England, sehnen sich progressive Fußballfans vielerorts nach einer fortschrittsinduzierenden Systemkonkurrenz.

Ein berechtigter Hoffnungsschimmer am Horizont? Nach einem massiven Rückgang der Mädchenteams im Spielbetrieb um 54 % seit 2010, gewinnt der Frauenfußball nun unbestreitbar durch die „erfolgreiche“ Fußball-EM wieder an Aufschwung. Medial, strukturell, gesamtgesellschaftlich. „Fußball von seiner schönsten Seite” – nicht nur Spielweise, sondern auch Mentalität und vermittelte Werte. Schön wäre das, ja. Ein vereinender Sport ohne patriarchale und kapitalistische Deformation. Doch kann der Ausbau des Frauenfußballs die Lösung sein?

Die EM in England ist sowohl vorbei als auch fern, anders das Heimspiel der 3. Ligamannschaft des 1.FFC Hof. Eintritt 6€, schicke SUV’s und Beachflags des lokalen Autohauses zieren die Laufbahn. Laute generische Musik heizt die 201 Zuschauer:innen an, welche tatsächlich demographisch ein wenig diverser anmuten als die sonntägigen Fanmassen am roten Main. Doch schon bald wurde mein Freigeist der Idee durch die gruselige Realität unterjocht. Es hatte eine solche Beliebigkeit und Austauschbarkeit, dass sich zunehmend der Eindruck einschleicht, Mechanismen und Atmosphäre würden sich nicht automatisch umkehren, nur weil da nun Frauen auf dem Platz stehen.

Hämisches Lachen von der Tribüne, nachdem die Spielerin des Gastteams mit einer Gelb-Roten Karte Duschen geschickt wird, während sich Bier und Bratwurstsemmel zugeführt wird. Die Schiedsrichterin und ihr Linienrichtergespann werden von dem Feld und den Tribünen verschmäht wie eh und je. Und die sichtlich frustrierte und enttäuschte, da „gestraft“ früh ausgewechselte Spielerin der Eintracht Frankfurt, konnte ihre Tränen ebenso wenig zurückhalten, wie ihr Trainer seinen allgemeinen Groll.

Und natürlich wäre dies auch naiv zu glauben, vergleichbar mit der liberal-feministischen Annahme, weibliche CEOs, innerhalb der patriarchalen Strukturen und Bewertungskriterien als würdig befunden, könnten und würden diese Strukturen grundsätzlich wandeln. Der kürzlich von Selbstgerechtigkeit und kalter Symbolik strotzende, zum Fußballspruch des Jahres 2022 ausgezeichnete Spruch der deutschen Fußballnationalspielerin Lena Oberdorf trifft den Nagel auf den Kopf: „Frauenfußball, Männerfußball. Es ist ein Fußball“. Zauberhaft, schauderhaft.

Die Weltfußballerin des Jahres 2014 Nadine Keßler ist heute Leiterin der UEFA-Abteilung Frauenfußball und damit ganz weit oben in der stark hierarchisierten Verbandstruktur. Für sie hat „das Produkt Frauenfußball […] unendliches Potential […] kommerziell und ökonomisch”. Das ist ein Plan, nur eben kein neuer. Die tiefgehenden Probleme des Phänomens Fußball lassen sich eben nicht nach liberal-feministischer und kapitalistischer Manier beheben, indem der Frauenfußball als weiterer Simultanmarkt erschlossen wird. Es müssen Strukturen, Zielsetzungen, Binarität durchbrochen und umgedacht werden.

In Ansätzen gelingt der Gegenentwurf sogar: etwa hinsichtlich der Repräsentation von LGBTQIA+ (in der Männerdomäne mit weit über 35.000 aktiven Profifußballern in Europa genau 1-mal öffentlich vertreten), einer gesünderen Interpretation der diskursiv idiotisierten Equal-Pay Forderung, einem größeren Bewusstsein für Nachhaltigkeit und der verkörperten Vorbildrolle.

Zugegebenermaßen steckt der Frauenfußball noch in Kinderschuhen, hinsichtlich Popularität, Strukturen und ökonomischer Bedeutung. Der Weg zum „Vorbild“ des Männerfußballs ist vorgezeichnet und gewiss partikular attraktiv.  Doch solange die Gedanken noch frei sind, muss man wagen größer zu denken, und vor allem nach eigenen Regeln. Nicht nacheifern, sondern emanzipiert visionieren. Dann könnte man tatsächlich Vorbild werden. 

Lukas Baderschneider
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